2008 Stockhausen Venedig soda

Kosmische Umarmungen

Michaels Reise Foto: Biennale Venedig

Stockhausens „Michaels Reise um die Erde“ aus „Donnerstag aus Licht“ mit La Fura dels Baus bei der Biennale für zeitgenössische Musik in Venedig
(Venedig, im Oktober 2008), Radici Futuro (Wurzeln – Zukunft) lautete das Motto des 52. Festivals für Zeitgenössische Musik, das vom 2. bis 18. Oktober in den stimmungsvollen Räumen des Arsenale in Venedig stattfand. Es war das erste unter der Leitung von Luca Francesconi. Drei Opern standen auf dem Programm: „Ogetto d’Amore“ von Mauro Cardi, „Arbeit Nahrung Wohnung“ von Enno Poppe und, aus der Oper „Donnerstag aus Licht“ von Karlheinz Stockhausen – in der Gesamtfassung 29 Stunden Musik, entstanden zwischen 1977 und 2003 -, der zweite Akt, „Michaels Reise um die Erde“.
Stockhausens Zyklus hat nicht weniger als die Entstehung der Welt zum Inhalt, durch die drei symbolische Gestalten führen: der Erzengel Michael, der Mensch wird indem er die Menschlichkeit zu Gott bringt; Eva als Symbol der Macht der Liebe und des Lebens; und Luzifer, der gefallene Engel. Der zweite Akt handelt „on the road“: es geht um die Antritts-Reise Michaels um die Welt, von Venedig ausgehend, über New York, Japan, Bali, Indien, Afrika und Jerusalem mit dem Ziel, Trompeter zu werden.
Die Gestalten finden sich durch Instrumente repräsentiert: Michael, genau, durch eine Trompete, Eva durch ein Bassetthorn und Luzifer durch eine Posaune. Michael fährt mit Eva in einer Art kosmischer Umarmung in den Himmel auf: die Trompete und das Bassetthorn sind mit Turteln beschäftigt, während sie das ziselierte Geflatter zweier Klarinetten umgibt (ein Schwalbenpärchen, das sich darüber lustig macht) und das Brummen der Posaunen (der grollende Luzifer).

Die Ausführung durch die „musikFabrik“ war vorbildlich: das ist ein Ensemble aus lauter großen Virtuosen, mit entschiedener Klangvorstellung gleitet von Lukas Vis: Ab und zu muss es aber abtreten und sogar die Notenständer mitnehmen, um der szenischen Handlung alleine das Feld zu überlassen. Einfach großartig war Marco Blaaow an der Trompete!
Die Inszenierung, mit großem technischen Aufgebot, stammte von der katalanischen Gruppe „La Fura dels Baus“ und ihrem „enfant terrible“ Carlüs Padrissa: eine Folge suggestiver Projektionen, die sich regelrecht in einander verschrauben – die Töne scheinen sich aus den Instrumenten zu erheben um abstrakte Schnörkel in die Luft zu malen; Prothesen für die Mensch-Maschine Michael – ein Finale ein wenig im Stil des Gran Guignol. Während auf den Bildschirmen Projektionen von anatomischen Darstellungen ablaufen (Nervensystem, Blutbahnen – mit viel schlagendem Herzen), sind Michael und Eva in tiefer Umarmung zu sehen, wie sie im Aufsteigen ineinander verschmelzen; ein Stern explodiert und breitet sich im Universum in einer kosmischen Umarmung aus.
Franco Soda
(aus dem Italienischen von Laszlo Molnar)

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.