2008 Schumann Staier

Schumann spricht durch Bach

Robert Schumann – Hommage à Bach
Andreas Staier, Klavier
Harmonia mundi HMC 901989, 1 CD

Andreas Staier spielt – Schumann. Ja, das ist eine Überraschung, nicht wahr? Der Spezialist für Cembalo und Hammerklavier hatte sich bislang ja gerade bis Mozart vorgewagt. Und nun die „Romantik“ aus der Feder des wohl romantischsten deutschen Komponisten?

Die Antwort liegt, wie so oft in der Musik, bei Johann Sebastian Bach. Staier folgt Schumann auf den Spuren Bachs. Schumann, einer der profiliertesten und scharsinnigsten Musik-Schriftsteller überhaupt, hatte in Bach jenen Musiker erkannt, der ihn am tiefsten beeinflussen konnte. Schumann ahmte Bach nicht nach; er ließ den Geist von Bachs Musik in sich walten. Seine kürzeren Klavierstücke, so gab er es auch zu, seien vor allem im Geiste Bachs entstanden. Die CD enthält die Zyklen „Waldscenen“, op. 82 und „Kinderscenen“, op. 15, sowie Stücke aus dem „Album für die Jungend“, op. 68, und den „Sieben Clavierstücken in Fughettenform“, op. 126. Andreas Staier spielt auf einem Erard-Flügel von 1837. Klingt Schumann nun plötzlich ganz nach Bach?

Ja. Und zwar in dem Sinne, dass Staier ganz auf das Sprachlich-Gestische der Musik abzielt. Dafür verwendet er als erstes ein Instrument, das gleichzeitig feiner aber auch viel dramatischer klingt als ein „moderner“ Flügen – so donnernde, machmal scheppernde forte-passagen bekommt man „heute“ nicht mehr zu hören. Die geringere Saitenspannung gibt viel zartere und farbigere Zwischentöne frei als heutige Instrumente. Die Musik klingt dardurch viel verwegener, spontaner als wir sie für gewöhnlich erleben. Und Schumann selbst erscheint, als sei er ein Mann von heute. Auf diesem Klangzauber-Apparat Staier dann sein ganzes Wissen aus der Welt der barocken Artikulation. Er berücksichtigt dazu so genau wie möglich Schumanns Metronom-Zahlen und spielt vieles schneller als bei den „großen“ Pianisten üblich.

Heraus kommt ein ganz neues Schumann-Erlebnis. Wie bei der sachgerechten Restaurierung eines alten Gemäldes hat Staier die Schichten der immer gleichen „Verbesserungs“- und Deutungsversuche radikal abgetragen. Die Stücke sind allesamt lebendiger, direkter geworden. Statt mit sentimental-spekulativem Geschwurbel äußerst sich Schumann hier in einer klaren, geistig anspruchsvollen aber auf Verständnis gerichteten Sprache. So, wie er sich auch in seinen Texten ausdrückte.
Man muss das hören, um eine weitere Vorstellung davon zu bekommen, dass Schumann kein seltsamer Kauz im romantischen Nebel war, sondern eine der geistreichsten Musikerpersönlichkeiten, die Deutschland je hervorgebracht hat. Diese CD ist mit eine der größten Bereicherungen des abgelaufenen Musik-Jahres.

Laszlo Molnar
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