2008 Schrott Klaus

Teuflisch guter Verführer

Die Debüt-CD von Erwin Schrott bei Decca präsentiert einen vielversprechenden Bassbariton
Preisfrage: Welcher berühmte Sänger stammt aus Uruguay? Vielleicht heißt die Antwort in ein paar Jahren – Erwin Schrott! Der 1972 in Montevideo geborene Bassbariton hat soeben, und höchst erfolgreich, seine Feuertaufe als Leporello bei den Salzburger Festspielen hinter sich gebracht. Auch seine Debüt-CD (Decca) beginnt er mit der Registerarie von Don Giovannis Diener und lässt in schönem Wechsel Mozart und französische wie italienische Oper des 19. Jahrhunderts folgen. Begleitet wird er lebendig, klangmächtig, aber nie aufdringlich vom Orquestra de la Comunitat Valenciana unter Leitung von Riccardo Frizza.
Mit der zynischen, hier ganz direkt viril-vital gesungenen Auflistung von Don Juans Tausenden von Eroberungen kontrastiert aufs Schärfste die erschütternde Klage König Philipps aus Verdis „Don Carlos“ über sein vergebliches Leben an der Seite einer Frau, die eigentlich seinen Sohn liebt, ihm auch versprochen war. Schrott gelingt es, seiner Stimme – in der französischen Originalfassung – nicht nur großartig dunkle Farben, sondern auch tiefe Trauer und einen Hauch von Alter zu entlocken. Für einen 35-jährigen sicher keine leichte Aufgabe!
Um so verführerischer gehaucht klingt das unmittelbar anschließende Ständchen Don Giovannis; dagegen virtuos auftrumpfend die Champagner-Arie, bei der zwar sich zwar Orchester und Sänger manchmal um eine Nano-Sekunde verfehlen. Das erscheint aber keineswegs als Manko, sondern als Ausdruck eines unbedingten Freiheitswillens, der ausbricht, wann und wo immer dieser Mann will. Nicht minder beeindruckend: Figaros aus Verzweifelung machismo-getränkte Arie (4. Akt) oder die hier ebenfalls ganz ernsthaft gesungene Verhöhnung des jungen, gerade in den Soldatenstand „erhobenen“ Cherubino (1. Akt). Nur in „Se voul ballare Signor Contino“ hat Schrott etwas Probleme mit der Höhe, aber andererseits die untergründige Aggression eines Dieners in der Stimme, die jedem Grafen gefährlich werden könnte.
Zwei weitere Verdi-Monologe zeigen neue Facetten: Denn Banquo („Macbeth“) ist bei Erwin Schrott ein machtvoller, reifer Charakter, der dennoch immer ahnen lässt, dass er um die nahende Katastrophe der Auslöschung seiner Familie weiß. Und Procidas Hymne auf seine geschändete Heimatstadt Palermo in „Les Vespres siciliennes“ könnte zorniger und zugleich würdevoller nicht klingen. Da macht es nichts, wenn beim Versuch, großes Volumen in der Tiefe herzustellen, gelegentlich die Intonation in Mitleidenschaft gezogen wird.
Bleiben die beiden Mephistos (Berlioz und Gounod) auf dieser Platte und die finale, furchterregend in eine Friedhofsgruft gestemmte Anrufung des Höllenfürsten in Giacomo Meyerbeers „Robert, le Diable“. Auch hier besticht ein mit der Stimme virtuos schauspielernder, aber nie übertreibender Sänger, auch wenn sein diabolisches Lachen bei Gounod schmutziger nicht höhnen könnte.
Bleibt zu wünschen, dass das bald erwartete Kind von Erwin Schrott und seiner Verlobten Anna Netrebko ähnlich gut gedeiht wie diese Stimme, von der man noch viel hören möchte.
Klaus Kalchschmid

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