2008 Schrott Herkulessaal

Charmeur aus Uruguay

Erwin Schrott. Bild: Decca/Uli Weber

Bassbariton Erwin Schrott bei seinem ersten Deutschland-Konzert im Münchner Herkulessaal
(München, 9. November) Er sieht blendend aus und ist ein unwiderstehlicher Charmeur: Erst einmal begrüßt er huldvoll (nicht nur) die Damen im Publikum mit großer Geste, küsst der Konzertmeisterin elegant die Hand und beginnt als Leporello seine Register-Arie aus Mozarts „Don Giovanni“, als wäre er der Don selbst. Was Schrott auf der Bühne des Hauses für Mozart als großartige Charakterstudie eines Junkies sang und spielte, wird im Herkulessaal zu einem Flirt mit dem Publikum. Optisch wie akustisch. Also lässt er mal die Stimme viril in den Saal schallen, um sie gleich danach immer wieder ins Piano zurückzunehmen. Das hat etwas Manieristisches und dominiert auf seiner gelungenen Debüt-Platte für Decca keineswegs. [Zur klassikinfo-Rezension]
Auch Figaros erboste Antwort auf den Grafen Almaviva, der offensichtlich seiner Susanna nachstellt, sieht und hört sich allzu heiter an, wenn Schrott immer wieder zwischendurch ins Publikum lächelt. Erst in der Arie des alten König Philipp (aus Verdis „Don Carlos“), der deprimiert das Leben an der Seite einer Frau resümiert, die seinem Sohn versprochen war und ihn wohl nie geliebt hat, findet Schrott langsam in ein Charakterporträt hinein, das im Dienste einer Rolle steht und nicht auf Effekt ausgelegt ist. Genauso geschah es nach der Pause mit der Arie des Banquo aus „Macbeth“.
Auch als rattenfängerischer Quacksalber Dulcamara, der guten Rotwein als „Liebestrank“ in Donizettis gleichnamiger Oper an den Mann bringt, konnte der 35-jährige Bassbariton mit der sinnlichen, in allen Lagen leuchtenden Stimme nicht immer überzeugen. Denn derart frei mit Metrum und Rhythmus umzugehen, bringt diese Musik um ihren Reiz! Das Plaboy-Häschen, das den Rotwein für Sänger – und Dirigent! – kredenzte, war aber sogar Herrn Schrott zuviel der ranschmeißerischen Geste.
Bei südamerikanischem Tango mit kleiner Combo aus Geige, Bass, Akkordeon und Klavier war Erwin Schrott dann in seinem Element – das Gläschen Rotwein hätten wir in kleiner Runde gerne mitgetrunken. Schade nur, dass sich der Sänger an diesem Abend mit nur fünf Arien etwas rargemacht hatte und die Weimarer Staatskapelle unter Carlo Montanaro allzu viele, wenngleich durchaus packend musizierte Ouvertüren – kulminierend in der unverwüstlichen zu Verdis „Macht des Schicksals“ – beisteuern musste.
Klaus Kalchschmid

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