2008 Nussknacker Schessl

Nussknacker etwas nüchtern

Der Nussknacker im Kampf gegen die Mäuse. Bild: münchenevent

Tschaikowskys „Der Nussknacker“ mit dem Russischen Nationalballett in der Philharmonie im Gasteig in München
(München, 15. Dezember 2008) Peter Tschaikowskys Ballett „Der Nussknacker“ gehört zur Weihnachtszeit wie Bachs Weihnachtsoratorium. Mit dem „Nussknacker“ allerdings tut sich die ganze Familie leichter, appelliert die Geschichte vom Mädchen, das sich in die Welt ihres als Weihnachtsgeschenk erhaltenen Nussknackers hineinträumt, doch an die Kinder und an das Kind im Erwachsenen gleichermaßen. Botschaft ist da wenig dabei, aber dafür umso mehr Gefühl.
Dieses Gefühl, das möchte man gerne haben um diese Jahreszeit. In München wollte dieses Bedürfnis vor den Festtagen einzig der „Nussknacker“ des Russischen Nationalballetts erfüllen, den „Münchenevent“ in die Philharmonie im Gasteig geholt hatte. Das Interesse des Publikums war groß. Die erste Vorstellung am Sonntag Nachmittag war ausverkauft, die zweite am Abend gut besucht. Und die Tänzerinnen und Tänzer wurden herzlich und ausgiebig mit Applaus bedacht. Mit bunten Kostümen und einer flotten Choreographie von Lew Iwanow verbreiteten sie gute Laune und sorgten für einen schwungvollen, kurzweiligen Abend. Und trotz starker akustischer Einschränkungen gab es die Wiederbegegnung mit einigen der größten Hits der Musikgeschichte.
Aber insgesamt mussten sich alle, Künstler wie Besucher, mit etlichen Kompromissen arrangieren. Ein wirklich intimes, heimeliges Märchen-Gefühl wollte in dem riesigen Saal nicht aufkommen. Das Podium war eher notdürftig als Bühne hergerichtet worden – ein Bühnen-Prospekt suggerierte vor der Pause das Wohnzimmer mit dem Weihnachtsbaum, danach eine Art Ballsaal. Die Beleuchtung konnte Stimmung nur andeuten. Sie wurde von den hellen Saalwänden reflektiert und machte das ganze Drumherum zu hell. Der Verfolger-Scheinwerfer zitterte und wackelte wie ein Such-Scheinwerfer; da war deutlich zu wenig Zeit für Proben gewesen.
Die größte Schwachstelle des Abends aber war die Musik. Verständlich, dass bei einer Tournee-Produktion nicht auch noch ein Orchester mitreisen kann. Aber etwas mehr Technik als die in der Philharmonie vorhandenen Verstärker und Lautsprecher dürfte es schon sein. Die Musik kam zu leise und daher farblos herüber, die zwingende Verbindung zum Tanz wollte sich nicht einstellen. Die dynamischen Verhältnisse waren zu stark eingeebnet, die festlichen Tutti-Passagen blieben stumpf. Auch am Bühnenaufbau hätte man etwas mehr tun können. Zum Beispiel die Seiten großflächig schwarz abhängen, damit die „hinter“ der Bühne wartenden Tänzerinnen und Tänzer nicht zu sehen sind.
Getanzt wurde zwar nicht vollendet, aber ordentlich. Was in dieser Aufführung wirklich zu kurz kam, war die Illusion. Und gerade das darf im Falle des „Nussknackers“ eigentlich nicht passieren.
Laszlo Molnar
Als „modernes Tanzmärchen“ zeigt münchenmusik den „Nussknacker“ am 10. Januar 2009 mit dem Stuttgarter Ballett im Prinzregententheater

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