2008 Norrington Stuttgart

Askese ist etwas anderes

Unter Sir Roger Norrington spielte das Radio Sinfonieorchester Stuttgart des SWR in der Philharmonie im Gasteig ein reines Beethoven-Programm.

(München, 28. Oktober 2008) Er hat sich als Markenzeichen etabliert, der „Stuttgart Sound“. Seit Sir Roger Norrington 1998 das Amt des Chefdirigenten des Radio Sinfonieorchesters Stuttgart des SWR übernahm, hat er den Klang Stück für Stück an das von im propagierte Ideal eines schlanken, durchhörbaren und für all dies vor allem vibratolosen Tons herangearbeitet. Am Montag konnte sich das Münchner Publikum in einem Winderstein-Konzert in der Philharmonie im Gasteig davon überzeugen, wie gut das ganze Konzept Norrington-RSO Stuttgart funktioniert. Als Solist dabei: der Pianist Rudolf Buchbinder.
Die Überzeugungsarbeit in München wurde ausschließlich anhand von Kompositionen Ludwig van Beethovens geleistet. Dabei haben sich das Orchester und sein Chefdirigent vibratolos bereits längst das gesamte romantische Repertoire erobert. Ob nun Brahms, Tschaikowsy oder Mahler: konsequent stellt Sir Roger liebe Gewohnheiten auf den Prüfstand und gibt zu bedenken, welche Art von Aufführungsart denn wirklich zu einem bestimmten Komponisten passt. Seine Vorschläge sind auf jeden Fall spannend und oft genug bezwingend. Dass das Orchester voll zu Sir Roger radikaler Hörweise steht, davon zeugte die Verlängerung seines Vertrages und auch das Konzert in der Philharmonie.
Beethoven ist auch für Sir Roger die höchste Messlatte. Mit ihm fing für ihn alles an, als er in den achtziger Jahren eine der ersten Aufnahmen aller Beethoven-Sinfonien mit seinen London Classical Players auf Originalinstrumenten herausbrachte. Die stilistischen Erkenntnisse daraus übertrug er auf Orchester mit „modernen“ Instrumenten. Einige Konzessionen mussten aber gemacht werden: Trompeten und Posaunen sind auch in Norringtons „modernem“ Orchester alte Instrumente. Die Folge: ein seidig schmetternder Klang der Blechbläser, nicht zu laut, weshalb er bei aller Prägnanz sich enger mit den Streichern vermischt.
Ungewöhnlich für ein sinfonisches Konzert begann das Programm mit einem Solostück Buchbinders, der Sonate c-Moll, „Pathetique“. Buchbinder ist gewiss ein Mann für alle Fälle,  der dank eines phänomenalen Gedächtnisses zu jeder Tageszeit sein Programm spielen kann. Aber man hört auch, was er nicht ist. Nämlich ein nachdenklicher Musiker, der die Tiefen der Musik öffnet. In seiner Darbietung der „Pathetique“ gab es von allem etwas, aber nichts konsequent und ganz: das Hellsichtige eines Gulda, die Zwischentöne eines Svjatoslav Richter, die Energie eines Gilels und das Subtile eines Brendel. Buchbinder ist allzeit bereit, aber er legt sich nicht fest. Was dann der Zusammenarbeit mit Norrington im c-Moll-Klavierkonzert, Beethovens drittem, zu Gute kam.
Da schmiegte sich Buchbinder sensibel und reaktionsschnell den Phrasierungen und Artikulationen an, die Norrington mit dem Orchester ausgearbeitet hat. Weniger der Kontrast Solo-Tutti kam heraus als die Integration aller Beteiligten. Und mehr als das Gegenüber Solo-Orchester gab es eine Art Dreierbeziehung Solo-Streicher-Bläser, dazu eine ungemein solistisch exponierte Pauke, zu hören. Mit einem modernen Orchester führt Norrington hier exemplarisch vor, wie Stimmen und Orchestergruppen hörbar sein sollen, ja es müssen, um Beethovens harmonische Arbeit wirklich erlebbar zu machen. Das klingt nicht nur fantastisch farbig und vielfältig – es ergibt auch Sinn!
In größter Besetzung dann die fünfte Sinfonie, c-moll. Acht Kontrabässe – kann man damit noch einen durchsichtigen, feingliedrigen Klang erzeugen? Sir Roger kann es. Dieser große Tumult war wirklich sein Element, hier regierte er frei und ohne Einschränkungen, und alle seine Mannen (und Damen) waren mit ihm und bei ihm. Wie Sir Roger sein Orchester mit sich weiß, das erinnert an die großen Tage Karajans und der Berliner Philharmoniker. Nur, dass aus der Verbindung Norrington-Stuttgart viel musikantischere, farbigere, überraschendere Funken schlagen. Die Fünfte ist es, in der Beethoven erstmals den Bläsersatz großflächig „romantisch“ einsetzt, ihm im Blech eine ganz eigene Klangwelt zuordnet. Hier ist die Lehrzeit bei Haydn endgültig in eine neue Klangsprache transformiert, die in die Zukunft weist. Wie prächtig kam das bei den Stuttgartern zum Tragen, wie stark war die Spannung zwischen der thematischen Arbeit der Tradition und dem freien Klangempfinden der Zukunft in diesem Stück zu spüren. Sir Rogers Verzicht auf alles überflüssige „Fett“ im Orchesterklang ist keine Askese, ganz im Gegenteil. Er ist der Königsweg zur reinen Substanz und damit zum Genuss dessen, was diese Musik wirklich ausmacht. Nicht minder wirkungsvoll in der Zugabe, Beethovens Ouvertüre zu „Die Geschöpfe des Prometheus“. Ein großer Abend!
Laszlo Molnar

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