2008 Nibelungen Derek

So nieder kann der Rhein sein

Das Personal der „Lustigen Nibelungen“, zwei Mopsdrachen inklusive. Bild: Dimo Dimov / Volksoper Wien

„Die lustigen Nibelungen“ von Oscar Straus in der Wiener Volksoper: Eine Operettenpremiere mit Regie-Ebbe
(Wien, im Dezember 2008) Der Operettenkomponist Oscar Straus zählt neben vielen anderen mitteleuropäischen Musikern seiner Generation zu den Opfern des Nationalsozialismus: Er wurde zwar nicht erschlagen, aber ins Exil gezwungen und nachhaltig mundtot gemacht. Von seinen vielen Bühnenwerken hat sich eigentlich nur der „Walzertraum“ erhalten. Und seine Lieder und Schlager, die einst – vor 1933 – auf allen Straßen gepfiffen wurden, sind längst vergessen.
Umso dankenswerter und wichtiger hätte es sein können, eine Straus-Operette – die erste seiner Operetten überhaupt – auf den Spielplan der Wiener Volksoper zu setzen. „Die lustigen Nibelungen“ hatten am 12. November 1904 im Wiener Carltheater ihre nicht unerfolgreiche Premiere. Seitdem waren sie weitgehend vom Spielplan verschwunden. Nun hat sie – im Windschatten des neuen Wagnerschen „Ring“-Projekts der Staatsoper – der seit einem Jahr amtierende neue Volksoperndirektor Robert Meyer – zum ersten Mal ans zweite Wiener Opernhaus geholt.

Mit einer gewissen sympathiegeladenen Spannung wartete man auf die Wiederentdeckung umso mehr, als der vom Burgtheater (wo er als Schauspieler tätig war) kommende Direktor schon Operetten inszeniert hat. Unter anderem hatte er vor einigen Jahren beim Gmundener Operettenfestival für eine überaus witzige semi-szenische Umsetzung der Oscar Straus’schen „Perlen der Cleopatra“ gesorgt. Mindestens ebenso scharf wie die „Nibelungen“ nahm diese die gefährlichste aller Neuauflagen des Deutschtümelns (durch Herrn Hitler & Co) auf die Schippe. Doch ach, statt der spitzen Personenregie-Feder blieb’s diesmal bei zwei echten als Kleindrachen verkleideten Möpsen und vielen dicken und jeden Witz ertötenden Regieklöpsen. Der lange falsche Bart, den der falsche Hagen zu seiner preussischen Uniform trug, war die leidige Metapher fürs ganze in der Historie steckengebliebene Musikantenstadel-Spiel. Zwei Tage nach dem verspäteten Besuch bei Christoph Loys phantasievoller Inszenierung von Richard Strauss‘ „Intermezzo“ im Theater an der Wien, in der ironisch geschnaderhüpfelt und geschuhplattelt wurde, wirkte solch platte Niederwalzung eines an sich unterhaltsamen Stückes – „rasend komisch“ nennt es der Regisseur zu Recht im Programmheft – doppelt deprimierend. Was in Loys ironisch-distanzierter Strauss-Sicht zur geschärften Ehrenrettung der Musik gerät, wird in der Volksoper zum Denkzettel einer szenischen Ratlosigkeit, die über mitwippende Situationskomik nicht hinauskommt.
Dabei legt insbesondere die Musik der „Nibelungen“ ein durchaus ätzendes Tempo vor, das von Offenbach’schem Can-Can-Schwung bis zum hinreißend das Original verwandelnden „Rheingold-Walzer“ und mancherlei anderen Anspielungen auf den Bayreuther Richard alles zu bieten hat, was Schwung verleihen sollte. (Dirigent Andreas Schüller ließ an dieser Qualität der Musik keinen Zweifel aufkommen.) Doch die Inszenierung Meyers trabt bloß den Noten hinterher, ohne ihnen je nahezukommen. Das In-der-Uraufführungszeit-Bleiben in Bühnenbild und Kostümen (von Christof Kremer) trocknet den einstmals beißenden Witz aufs deutschnationale Milieu und die großsprecherische wilhelminische Pseudo-Nibelungen-Treue zusätzlich aus. Dass da auf eine Tendenz angespielt wurde, die im Ersten Weltkrieg tödlich werden sollte, wird glatt vertan. Selbst die steil fallenden „Nibelungenaktien“-Kurse der Rheinischen Bank als potentielle Anspielung auf die Gegenwart gehen dabei mit unter.

Meyer und sein Ausstatter verlassen sich allzusehr auf konstruierte Situationskomiken, die sich – wie der Auftritt Brünnhildes als stemmige Oktoberfestmaid (gut bei Stimme: Birgid Steinberger) – rasch abnutzen. Auch Robert Wörle kann so als nicht nur vokal gewichtiger Siegfried (vom Ansehen eher aus Tölz denn von „Niederland“) nur bei seinem ersten Auftritt punkten. Dann läßt sich noch Hagen (Lars Woldt) hören. Der Rest von Gunthers Familie wird  von der Inszenierung in den Rhhein gespült. Was 1904 bös gemeinte Satire war, gerät zum harmlosen Wiener Schmäh, zu einem zahnlosen wilhelminischen Kostümball ohne Biß und bitteren Beigeschmack. Der kräftige Applaus für den Regisseur zeigte, dass das in Wien auch so gemocht wird. Das Verblödeln von Operetten hat hier Tradition und wird als volksnah geltende Sparte gepflegt. Das war schon im Fall des bei vielen Kritikern und im Verkauf erfolgreichen „Orpheus in der Unterwelt“ in der letzten Saison als Tendenz zu bemerken. 
     
Ihren Erfolg hatten die „Lustigen Nibelungen“ vor mehr als hundert Jahren den anti-preussischen und anti-deutschtümelnden Ressentiments der Wiener zu verdanken. Wenn man das heute als historisierende Kostümblödel-Show ohne zeitnahen Biß auf die Bühne bringt, können – wie die wohlwollende Aufnahme der Premiere durch das Publikum zeigt – durchaus Erfolgspunkte gesammelt werden. Die steigenden Auslastungszahlen (86 % in der letzten Saison) der generell auf einem populären Kurs segelnden Volksoper verweisen auf zustimmende Resonanz. 

Anton Sailer

Zu sehen bis 2. März 2009. Weitere Termine und Bilder

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.