2008 Messiaen Canyons

Die Einsamkeit der Wüsten

Kent Nagano war zu Gast bei den Münchner Philharmonikern. Bild: W. Hösl/Bayerische Staatsoper

Münchner Erstaufführung von Olivier Messiaens „Des Canyons aux Etoiles“ mit den Münchner Philharmonikern unter Kent Nagano
(München, 23. November 2008). Es gibt sie noch, die nicht gehörten Kompositionen. Für München war das bis zu diesem Wochenende Olivier Messiaens „Des Canyons aux Etoiles“. Messiaen schrieb das eineinhalbstündige Orchesterwerk als Auftragswerk für die 200-Jahres-Feier der USA 1976.  Es mag an seiner besonderen Besetzung für eine Art größeres Kammerorchester liegen, dass es in München bisher nicht erklungen war. Nun, zum Beginn des sich auf drei Wochen verteilenden Messiaen-Zyklus‘ der Münchner Philharmoniker, erlebte es in der Philharmonie im Gasteig seine Münchner Erstaufführung. Unter der denkbar am besten dafür berufenen Leitung: Kent Nagano, einstiger Schüler des französischen Meisters und derzeit Münchens Opernchef. Welch ein Glück für München: der Star musste nur über die Isar zum „Orchester der Stadt“ wechseln.
„Des Canyon aux Etoiles“ hatte Messiaen, im Auftrag der New Yorker Mäzenin Alice Tully Komponiert – unter dem Eindruck einer Reise durch den Westen der USA, namentlich der grandiosen Canyons in der Wüste von Utah. Dennoch hat er daraus kein bombastisches Klangkonglomerat für volles Orchester geschmiedet  – dies vor allem, weil er sich an die Dimensionen des Kammermusiksaals im New Yorker Lincoln Center halten musste, der von seiner Förderin gestifteten Alice Tully Hall. Heraus kam eine handverlesene, aber höchst klangreiche und -sinnliche Besetzung: Klavier, kleine Streichergruppe, Holz- und Blechbläser und eine umfangreiche Schlagzeug-Gruppe mit Glockenspiel, Xylorimba, dazu mit solchen Spezialitäten wie Géophone, einem mit Sand und Steinen gefüllten Kasten, und einer Windmaschine. Mit diesen Mitteln schildert Messiaen im ersten Teil von „Des Canyons“ statt des Rausches der Eindrücke, nun in der Sprache der Musik, deren Quellen. Der zweite Teil der in zwölf Einzelnummern gegliederten Komposition ist der Verbindung der Natureindrücke zum Göttlichen gewidmet. Der Blick wendet sich von den Wundern der Canyons zur unfassbaren Weite der Gestirne.
Kent Nagano hielt sich in seiner Aufführung an die Intimität, die Individualität dieser Eindrücke und ihrer Verarbeitung. Trotz der selektiven Besetzung des Orchesters ließe sich damit ein satter, breiter Gesamtklang erzeugen, wie er der landläufigen Vorstellung von der Wirkung einer grandiosen Wüstenlandschaft entspräche. Nagano hingegen, durch seine Herkunft im Westen der USA mit solchen Landschaften bestens vertraut, ließ die Musiker jeden Eindruck einzeln für sich schildern. Damit versetzte er auch die Zuhörer gleichsam in die Wüste und ihre Stille, aus der stetig neue Klänge und Töne herüberwehen: der Wind, das Rauschen aufgewirbelten Sandes, das Scharren fallender Steine. Die Komposition nimmt ausdrücklich Bezug auf solches Gefühl der Einsamkeit angesichts der überwältigenden Größe der Schöpfung: Im „Appel interstellaire“, Satz Nummer 6, steht das Solo-Horn für den Menschen, wie er sich einsam der Weite der Wüste und des Himmels ausgesetzt erlebt.
So im Detail betrachtet, nimmt man „Des Canyon“ trotzdem als Gesamtkunstwerk wahr. Die höchst virtuosen Abschnitte für das Soloklavier, in denen sich der auf zeitgenössiche Musik spezialisierte Pianist Marino Formenti wieder einmal als Kapazität seines Fachs auswies, werden nicht als Solonummern zur Selbstdarstellung erlebt. Sie sind vielmehr ein Aspekt der Kommunikation des Menschen mit der Welt in der er lebt – einschließlich der geistigen. Und natürlich der Lieblingsinspiration Messiaens, der Vogelstimmen. Deren Bedeutung ist wohl gewaltig für Messiaens Schaffen, und der kenntnisreiche Zuhörer wird sicher die einzelnen Rufe identifizieren können. Entscheidender für die Größe von Messiaens Kunst ist aber, dass er die Rufe nicht einfach imitiert und sie zum dominierenden Gestaltungselement seiner Musik macht. Vielmehr sind sie motivischer Auslöser für den Kompositionsprozess und gehen in diesem vollkommen auf – Messiaen nimmt den Gegensatz von Natur und Kunst wahr, formuliert ihn auch, hebt ihn dann aber gänzlich in der vom Menschen gemachten „Kunst“ auf.
Selbst wenn es keine Erstaufführung gewesen wäre – das Warten auf dieses Ereignis in München hat sich gelohnt. Mit Kent Nagano stand ein Musiker am Dirigentenpult, der wie kein anderer Messiaens Werk kennt und es zum Klingen zu bringen weiß; mit den Münchner Philharmonikern hatte er Musikerkolleginnen und -kollegen, die genaue Klangvorstellungen auch punktgenau umzusetzen wissen. Mit dem Attribut „Großer Abend“ sollte man für Konzerte immer vorsichtig umgehen. Diese Vorsicht war bei den drei Konzerten an diesem Wochenende nicht angebracht.
Laszlo Molnar

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