2008 Blockflöte Temmingh Oberlinger

Die Blockflöte swingt und ist sexy

Stefan Temmingh zeigt mit Corelli, was im „flauto dolce“ wirklich steckt
Stefan Temmingh, Blockflöte; Olga Watts, Cembalo: Corelli a la Mode
Oehms Classics OC 598, 1CD 

Die Blockflöte ist ein geschmähtes Instrument. Als Basisinstrument der musikalischen Ausbildung ist sie als fades und zugleich schrilles Rohr in Verruf geraten. In keiner „modernen“ Orchesterbesetzung taucht sie auf. Das Instrument für Dilletanten und für alle, die nichts besseres beherrschen.
Die Blockflöte ist ein verehrtes Instrument. Der „flauto dolce“ steht in der Musikgeschichte bis zur Klassik – die ihr den Garaus machte – für die sinnlichsten Töne der Verführung und der Liebe. In der italienischen Literatur gibt es unzählige Soli und Sonaten für die Blockflöte, im Monteverdi-Orchester girrt und gurrt sie, wenn die ganz großen Liebenden zueinander kommen. Bach und Händel dachten ihr die raffiniertesten Soli zu. Zwischen Säuseln und atemberaubender Virtuosität hat sie alles zu bieten. Dafür muss man sie vollendet beherrschen.
Eine junge Generation von Virtuosen macht sich gerade daran, die Lücke, die Frans Brüggen hinterlassen hat, wieder zu füllen und mit und für die Blockflöte Aufsehen zu erregen. Deutschland hat da einen guten Stand; der aus Südafrika stammende Stefan Temmingh lebt in München.
Stefan Temmingh ist 30 Jahre alt, studierte in München und Frankfurt. Seine CD ist bei Oehms Classics erschienen und enthält Sonaten für Blockflöte, die verschiedene Komponisten des Barock aus Bearbeitungen von Sonaten von Arcangelo Corelli (1653-1713) zusammengestellt haben. „Corelli á la mode“ heißt das Programm, Temminghs Musikpartnerin ist die Cembalistin Olga Watts.
Beim Anhören bekommt man schnell mit, was sowohl an der Musik Corellis als auch an der Blockflöte so attraktiv für die Bearbeiter war. Corellis Kompositionen wirken so frei und frisch als würden sie gerade improvisiert. Von den Bearbeitern wurden sie noch ausführlich verziert. Die Blockflöte erscheint als Instrument, das dem Sprudeln der Ideen wirklich nichts in den Weg stellt. Ihre konstruktive Einfachheit ist ihr großes Plus. Unter den Blasinstrumenten wirkt sie, in den Händen eines so außergewöhnlich inspirierten und spielfreudigen Virtuosen wie Stefan Temmingh, so natürlich wie eine Violine..
Temmingh betätigt seine Blockflöten mit der Freiheit und Spontaneität wie ein Jazzer sein Saxophon. Spieltechnisch ist er so souverän, dass man keine Ambition darin hört, sondern nur noch das Können und den Fluss der Musik bewundert. Olga Watts ist ihm dabei die perfekte Partnerin. Die aus Moskau stammende Cembalistin studierte bei den wichtigsten Virtuosen unserer Zeit. Ihr Können verwandelt sie in ein lebhaftes, reich phrasiertes, über alle Facetten der Artikulation frei gebietendes Spiel. So gespielt, sind sowohl Corelli als auch Blockflöte und Cembalo auch heute ohne Zweifel „à la mode“.
Laszlo Molnar
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