Von Stars und Sternchen

Foto: Monika Rittershaus

Rossinis "Turco in Italia" mit Christine Schäfer in der Hauptrolle an der Berliner Staatsoper

(Berlin, 23. Juni 2008) Ein Filmstudio bildet die Kulisse für Rossinis Theater auf dem Theater: Hier findet der Dichter Prosdocimo endlich den Stoff für sein neues Stück. Er hat dem Leben selbst die Feder überlassen und beobachtet einfach die ziemlich skurrilen Gestalten aus seinem Bekanntenkreis: die kapriziöse Donna Fiorilla, die Abwechslung von ihrem älteren Gatten Don Geronio sucht und sich in einen türkischen Fürsten auf Italien-Urlaub verliebt; Don Narciso, den glühend eifersüchtigen Verehrer Fiorillas; und die Zigeunerin Zaida, die verstoßene ehemalige Geliebte des Fürsten. Für hinreichende Verwicklungen ist gesorgt; wo sie sich nicht von alleine einstellen oder außer Kontrolle zu geraten drohen, greift der Dichter mit sanfter Hand ein, damit alles seinen ordentlichen Theatergang gehe.

Regisseur David Alden hat Rossinis frühe Oper aus dem Jahr 1815 in eine nicht genau definierte Gegenwart versetzt: Donna Fiorilla als 50er-Jahre-Filmsternchen im rosa Kleid und einige Rock'n'Roll-Musiker verbreiten Fifties-Atmosphäre, eine Cocktail-Bar im 2. Akt spiegelt ein 70er-Jahre-Ambiente. Überhaupt spielt David Alden eher mit Versatzstücken und angedeuteten Ideen, als dass er dem Geschehen eine durchgezogene zweite Handlung überstülpen würde. Der Chor der Zigeuner erscheint als Ansammlung von Film-Komparsen, die diese Rolle proben. Immer mal wieder treten technisches Personal oder Möchtegern-Schauspieler auf, ohne dass sich die Film-Ebene jemals penetrant in den Vordergrund schieben würde - eine wunderbare Folie für diese Oper, in deren Mittelpunkt die erotische Abenteuer-Lust der Protagonistin steht.

Auch den spielerisch-leichten Charakter des Stückes greift Alden auf, mit einer Fülle an witzigen szenischen Einfällen, die im Publikum immer wieder amüsiertes Gelächter hervorrufen: etwa wenn der Türke statt mit dem Schiff per Fallschirmsprung aus dem effektvoll in den Bühnenhintergrund projizierten Hubschrauber italienische Gestade erreicht. Die größte Leistung der Inszenierung liegt aber in der außerordentlich detaillierten Personen-Regie; die Figuren treten miteinander in Beziehung, reagieren und interagieren und verleihen dem Stück eine Lebendigkeit, die man auf der Opernbühne nicht allzu oft zu sehen bekommt.

Dass dieses Konzept funktioniert, ist den grandiosen Sänger-Darstellern zu verdanken, die mit Spielfreude und szenischem Geschick den Bühnengestalten Charakter verleihen. Auch stimmlich ist dieses Solisten-Ensemble von einem durchwegs stupenden Niveau, von der wie immer großartigen Christine Schäfer, die mit Leichtigkeit und perlender Klarheit die Partie der Fiorilla singt, bis zum Staatsopern-Ensemblemitglied Florian Hoffmann in der winzigen Rolle des etwas vertrottelten Selim-Vertrauten Albazar.

Besonders fiel an diesem Premierenabend der afroamerikanische Tenor Lawrence Brownlee als Don Narciso auf, der in dieser Partie sein Debüt an der Staatsoper gab; er bewältigte die geradezu akrobatischen Koloraturen traumhaft sicher und mit ausgesprochen schöner, selbst im Falsett klangvoller Stimme. Renato Girolami, ebenfalls zum ersten Mal an diesem Haus zugange, erwies sich als stimmkräftiger Don Geronio mit ausgeprägtem komischem Talent. Alexander Vinogradov schien als Türkenfürst Selim an diesem Abend nicht hundertprozentig auf der Höhe seiner Stimme, dafür sportlich in Bestform; Ensemble-Mitglied Katharina Kammerlohr verlieh der Zigeunerin Zaida mit ihrem klangschönen Mezzo-Sopran dämonische Züge, ihr Kollege Alfredo Danza zog als stimmgewaltiger und darstellerisch sehr engagierter Dichter die Fäden. Zuverlässig tadellos und spielfreudig zeigte sich der Staatopernchor. Das Orchester, die Staatskapelle Berlin, schien im ersten Teil, namentlich in der beinah verunglückten Ouvertüre, gegenüber dem Staatsopern-Debütanten Constantinos Carydis etwas zu fremdeln, obwohl er ausgesprochen präzise  dirigierte. Im zweiten Teil hatten sich die Musiker dann aber gefangen.

Am Ende gab es nicht nur für Sänger und Orchester, sondern auch für die Regie beinah einhellig kräftigen Beifall; und was manchmal den Tadel für ein belangloses Inszenierungskonzept ausdrückt, war in diesem Fall die verdiente Anerkennung für einen höchst unterhaltsamen Opernabend.

Eva Blaskewitz

Weitere Vorstellungen am 24., 27. und 30. Juni 2008

www.staatsoper-berlin.de