Musik auf DVD

Leidenschaft hinter Gittern

Janáceks "Aus einem Totenhaus" von Chéreau/Boulez als packender Film

Leos Janáceks letztes Bühnenwerk "Aus einem Totenhaus" nach dem gleichnamigen Roman von Dostojewski ist alles andere als eine traditionelle Oper. Nicht einmal eine durchgehende Handlung gibt es, sondern disparate, an die Nieren gehende Szenen unter Männern in einem Gefangenenlager. Auch musikalisch klingt vieles harsch und zerklüftet, ist, wie immer bei Janácek, dem Duktus der tschechischen Sprache abgelauscht und von der großen Intensität und dem humanitären Pathos des Komponisten getragen.

Es braucht einen Meister für dieses Musiktheater wie Patrice Chéreau, der subtil Brutalität inszenieren kann, aber auch scheue Zärtlichkeit; der zeigt, dass Gewalt unter Sträflingen nicht nur von den Wärtern ausgeht, sondern auch unter den würdelos Eingepferchten Alltag ist; der den Adler, den die Gefangenen sich im Käfig halten und am Ende freilassen, als täuschend echt bewegtes Spielzeug einführt; der sich nicht scheut, die Lust zu zeigen, mit der die Männer, als sie füreinander Theater spielen, ganz ohne Scham halbnackt und mit sehr viel Körperkontakt auch Frauen und ihre Verführung darstellen. Wie da auf einmal eine geradezu heitere, erotisch aufgeladene Ausgelassenheit herrscht, inszeniert Chéreau realistisch und doch mit großer Kunstfertigkeit. Dafür werden zwischen die hohen, bedrohlichen, nur selten von warmem Abend- oder Morgenlicht beschienenen Betonmauern Richard Peduzzis große Tribünen hereingefahren, auf denen die Gefangenen das Spiel begeistert verfolgen - perfektes Theater auf dem Theater.

Überhaupt macht der französische Theater-, Opern- und Filmregisseur ("Intimicy", "Gabrielle"), der 1976 in Bayreuth den Jahrhundert-"Ring" inszenierte, aus John Mark Ainsley, Olaf Bär, Gerd Grochowski, Peter Straka, Heinz Zednik, dem jungen Eric Stoklossa und vielen Anderen singende Schauspieler, die zudem auf DVD großartig eingefangen sind. Denn Stéphane Metge, Assistent Chéreaus bei "Son Frére", filmte nicht einfach die Bühnenaufführung in Aix-en-Provence ab (obwohl der 20. Juli 2007 als Aufnahmedatum genannt ist), sondern drehte einen eigenständigen, packenden Film, teilweise mit bewusst wackelnder Handkamera, die sich zwischen den Darstellern zu bewegen scheint, dann wieder mit variablen, präzise aus der Handlung entwickelten Einstellungen. Die anderthalb Stunden folgen einer ausgefeilten Dramaturgie von Nahaufnahmen, Totalen und Halbtotalen, sind hochmusikalisch geschnitten und damit auch als Film ein kleines Meisterwerk.

Dessen "Soundtrack" ist ebenfalls vom Feinsten, denn Pierre Boulez am Pult des Mahler Chamber Orchestra sorgt für Durchsichtigkeit und größtmögliche Vernetzung mit der Szene. So sollte Oper immer aussehen und sich anhören, so sollte eine Live-Aufführung für die DVD eingefangen werden.

Klaus Kalchschmid 

 

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