La Fura dels Baus inszenieren in Valencia Wagners "Siegfried", Zubin Mehta dirigiert
(Valencia, im Juni 2008) Genauer kann man Wagner nicht wiedergeben. Die Ausgabe des "Rings" von Richard Wagner, die im spanischen Valencia im futuristischen Theater Palau
de les Arts Reina Sofia geboten wird, erzählt die Handlung so wahrheitsgetreu nach, dass selbst ein Kind sie nachvollziehen kann. Im letzten Jahr setzte die Theatergruppe Fura dels Baus, bekannt für ihre waghalsigen und fantastischen Inszenierungen, das "Rheingold" und die "Walküre" so spektakulär in Szene, dass die Weltpresse voll des Lobes darüber war.
Jetzt war "Siegfried" an der Reihe, die für Regisseure sicherlich schwierigste Oper der Tetralogie, denn in den ersten beiden Akten gibt es so gut wie keine konkrete Handlung. Bereits Geschehenes wird zusammengefasst und nacherzählt. Viele Regisseure haben sich an diesen beiden Akten schon die Zähne ausgebissen.
Carlos Padrissa, Chef der Fura dels Baus, ließ sich nicht einschüchtern. Dem Libretto entsprechend zeigte er auf der riesigen und hochtechnologischen Bühne des Palau alles das, was Wagner anspricht. Betritt Siegfried mit einem Bären die Bühne? Gut, Padrissa fügt eine Gruppe von Mimen, allesamt ganz in weiß gekleidet, zu einem bärenähnlichen Gebilde zusammen und lässt es im Gleichschritt über die Bühne laufen. Siegfried schmiedet aus den zerbrochenen Teilen des sagenhaften Schwertes Nothung eine neue Waffe? Die Fura dels Baus präsentiert eine fast echte Schmiede, deren Feuer aus 50 Flammen besteht. Siegfried muss gegen einen Drachen kämpfen? Auch das ist kein Problem für Padrissa. Mit der Hilfe eines deutschen Robotikunternehmens entwickelte er ein 15 Meter langes und drei Tonnen schweres Stahlungetüm, das ferngesteuert über die Bühne schreitet und seinen riesigen Kopf sogar dem Dirigenten entgegenstreckt.
Der gesungene Erzählstrang in den beiden ersten Akten wird von Bildern und am Computer entwickelten virtuellen Realitäten begleitet. Diese Bilderwelten, die mit ihren "special effects" an Kinofilme wie "Starwars" und "Harry Potter" erinnern, werden auf gigantischen Videobildschirmen wieder gegeben, die in ihrer Fläche fast den gesamten Bühnenraum einnehmen. Diese Bildschirme lassen sich zerlegen und über die Bühnen schieben, um den Sängern und anderen Szenografien Platz zu schaffen.
Sicher übertrieben es Padrissa und seine Fura dels Baus in den beiden ersten Akten etwas, denn die multimedialen Bühnenbilder wirkten oftmals wie Comics. Doch im letzten Akt, wenn der Wanderer die Erdenmutter Erda um Rat fragt und Siegfried Brünnhilde erweckt, bietet Padrissa umwerfende Bühnenbilder, mit perfekt wirkenden Trickaufnahmen von Schneegipfeln und Feuerplaneten.
Zubin Mehta dirigiert das Orchester des Palau, das erst vor knapp zwei Jahren aus vor allem jungen Musikern unter der Supervision von Lorin Maazel zusammengestellt wurde. In den ersten beiden Akten wirkte die musikalische Interpretation ein wenig lau; Wagners Höhen und Tiefen wurden nur selten hervorgehoben. Doch im letzten Akt zeigte Mehta, dass er einer der international besten Wagner-Interpreten sein kann; wie er es schon im letzten Jahr bei den ersten Opern der Tetralogie in Valencia bewies.
Die Besetzung hätte nicht besser sein können. Loenid Zakhozhaev ist ein überzeugend antiheroischer Siegfried, ein wie für diese Rolle geschaffener jugendlicher Heldentenor. Er interpretiert einen jungen und naiven Mann, eine Art pubertierenden Halbstarken. Gerhard Siegel singt Mime mit großer stimmlicher und auch komischer Meisterschaft. Catherine Wyn-Rogers ist eine weltfern wirkende ungmein aristokratische Erda. Jennifer Wilson singt Brünhilde, mit viel weiblich-sinnlicher Inbrunst. Der Finne Juha Uusitalo, der im letzten Jahr den Wotan interpretierte, ist die eigentliche Entdeckung aus Valencia. Viele der anwesenden Musikkritiker sind voll des Lobs. "Endlich haben wir einen neuen Wotan", heißt es in der Presse und diesem Urteil kann man nur zustimmen.
Thomas Migge
Valencia, Palau de les Arts Reina Sofia