Von der Tarantel gestochen, von Musik beseelt

Foto: Silvia Lelli

Die Vielfalt der Neapolitanischen Musik bei den zweiten Salzburger Pfingstfestspielen unter der künstlerischen Leitung von Riccardo Muti - ein Festivalbericht

(Salzburg, 14. Mai 2008). Erstaunlich eigentlich, wie rasch ein Festival, das beim ersten Anlauf im letzten Jahr noch ein wenig formlos zu sein schien, an Kontur gewinnen kann. Die Salzburger Pfingstfestspiele scheinen genau das geschafft zu haben. Im zweiten Jahr präsentieren sie sich rund und prall gefüllt mit guter (und gut präsentierter) Musik, quer durch die Stile und Arten der barocken bis präklassischen Musik neapolitanischer Prägung. Denn die neapolitanische Schule des 18. Jahrhunderts hat und hatte es seit langem dem künstlerischen Leiter des Festivals, Riccardo Muti, angetan. In Absprache mit dem musikalischen Leiter der Salzburger Festspiele, Markus Hinterhäuser, ist daraus eine Veranstaltung geworden, die sich sehen und hören lassen kann. Sie entwickelt den von Hans Landesmann, dem Konzertdirektor der Intendanz Mortier, vorgedachten Barock-Kurs produktiv und mit Phantasie weiter und setzt Schwerpunkte, die bis 2011 - solange währt vorläufig die Ära Muti - jedes Jahr wiederkehren werden.

Die Buffo-Oper von Paisiello

Im Zentrum stand auch heuer, wie schon im vorigen Jahr, eine Buffo-Oper der neapolitanischen Schule. (Im nächsten Jahr wird die opera seria von Niccolò Jommelli, "Demofoonte", zur Aufführung kommen.) Die heurige Oper, Giovanni Paisiellos "Il matrimonio inaspettato", eine 1779 in Sankt Petersburg uraufgeführte Oper, wurde für das Pfingstfestival ausgegraben. Sie beginnt recht harmlos, unspektakulär und traditionell im typischen, mechanischen, mit individuellen emotionalen Statements Haus haltenden und daher etwas unverbindlich wirkenden buffa-Stil der Zeit. Ist das Thema - ein reich gewordener und zu Adel gekommener Schinken- und Käsebauer möchte seinen Sohn aufstiegsgerecht mit einer verwitweten Gräfin verheiraten - erst einmal expliziert, kommt Schwung in die Handlung. Das Libretto lebt - wie bei den meisten Opern der neapolitanischen Schule - von zungenbrecherischem Wortwitz. Und das Vivace der Musik, das damit verbunden ist, beflügelt von Anfang an auch den 2. Akt.

Nach der Pause ist die Musik mit einem Schlag animiert, und mit der traurigen Arie der Nachbarsbäuerin Vespina, in die Tulipanos Sohn Giorgino verliebt ist, wird ein sensiblerer Ton angeschlagen, der bis zum Ende der Oper anhält. So wird aus der neapolitanischen Dutzendware durch das treffsichere Hörbarmachen von Leiden und Leidenschaften mehr als nur formelhafte Musik. Da klingen - 1779, zu einer Zeit, als Mozart noch gar nicht an Beaumarchais und da Ponte denken konnte! - Wendungen an, die aus dem "Figaro" und "Così fan tutte" stammen könnten, Vorahnungen, die einem Dirigenten wie Riccardo Muti natürlich nicht entgehen und die er dem Publikum unüberhörbar auf den Präsentierteller legt.

Mit dem von ihm gegründeten Orchestra Giovanile "Luigi Cherubini" kann er animiert und nach seiner Façon musizieren. Man hört gleichsam Muti pur, einen sehr persönlichen Stil abseits aller Richtungen und Schulen, immer bereit, sich auf die Emotionen der Handlung einzulassen. Von den nur vier Sängern, die die Oper benötigt, sangen drei (Marie-Claude Chappuis als Gräfin von Sarzana, Nicola Alaimo als Vater Tulipano und Markus Werba als Sohn Giorgino) mit beherztem Einsatz auf hohem Niveau; nur Alessia Nadins Vespina-Mezzo hätte noch etwas Höhenschliff benötigt. Der kleine Salzburger Bachchor blieb etwas unverbindlich. Das szenische leading team um Regisseur Andrea De Rosa leistete das, was man von einem italienischen Ensemble erwartet: gediegene Arbeit abseits unkonventioneller Ambitionen, mit schönen traditionellen Kostümen und passablem Licht, mit drastischer Komik, häufiger Rampenbenutzung und vielen Watschen für Giorgino.

Ein Oratorium von Bachs siegreichem Konkurrenten

Weiters befasste sich Muti mit Johann Adolph Hasse (1699-1783), dem Dresdner Hofkapellmeister, der in Neapel musikalisch groß gezogen wurde. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland schrieb Hasse in Dresden nicht nur Opern, sondern auch geistliche Musik im katholischen Geist. Darunter 1742 das erfolgreiche chorlose Oratorium "I pellegrini al sepolcro di  Nostro Signore", das eine zeitlose Pilgerreise vager Personen ins Heilige Land schildert. Unüberhörbar ist darin Hasses profunde Opernerfahrung. Dieser hatte er es zu verdanken, dass er und nicht sein Mitbewerber J.S. Bach die frei gewordene Stelle des Hofkapellmeisters erhalten hatte.

Natürlich wünscht man sich als moderner Hörer, diese Kirchenmusik einmal in der klaren Akustik eines Konzertsaals und mit geschärften Akzenten zu hören. Das ist nun Riccardo Mutis Anliegen gerade nicht. Er schlüsselt Phrasen, Artikulation und Dramatik vom Inhalt des Wortes her auf. Auch hier steht ihm - wie in der Oper - sein Jugendorchester zur Seite, und ein Stimmquartett, aus dem der Mezzo Daniela Barcellonas kräftig und ohne vokale Abstriche herausragt.

Große Chorkunst mit dem Balthasar-Neumann-Ensemble

Daß die wahren Stärken der neapolitanischen Schule eher im ernsten denn im komischen Stil liegen, bewies auch das Konzert des Balthasar-Neumann Chores und -Ensembles unter Thomas Hengelbrock mit geistlichen Werken von Alessandro Scarlatti, Francesco Durante, Emanuele d´Astorga und dem einer späteren Generation zugehörigen Giovanni Battista Pergolesi. Chor und Orchester sind auf die Musik des 18. Jahrhunderts spezialisiert. Insbesondere der Chor hat eine höchst ungewöhnliche Qualität: Von den rund 20 Sängern trat mehr als die Hälfte auch solistisch in Erscheinung, ohne dass insgesamt der Eindruck entstanden wäre, dass hier ein Chor von Solistenstimmen am Werk gewesen wäre. Sind bei Pergolesis "Confitebor tibi, Domine" die solistischen Sätze schon sehr opernhaft angelegt, so beeindruckten die Werke der Generation der in den 1680er-Jahren Geborenen durch stilistische Innovationen in Stimmführung, Melodik und Harmonie. Insbesondere das Stabat mater des heute und hierzulande gänzlich vergessenen Emanuele d´Astorga ist voll von kühnen Schönheiten, die sich abseits aller Virtuosität entfalten und ihren Abschluß in einem im Pisnissimo verklingenden A-capella-Amen finden (mit Werken dieses Komponisten hat das Balthasar-Neumann-Ensemble eine CD eingespielt). Um es aber wirklich "klingen" zu lassen, bedarf es wohl eines so genau disponierenden Dirigenten wie Hengelbrock und eines Chores, der zu den kleinsten (und damit größten) Nuancierungen fähig ist.

Wettstreit der Sänger: Andreas Scholl und Marco Beasley

Konzentriert auf eine Person und quasi über allen Wassern der Kritik angesiedelt war Gesangskunst bei Andreas Scholls Matinee mit der Accademia Bizantina zu hören: Arie per Senesino. Da ahnt man, warum die Zeitgenossen vor dem wohl berühmtesten aller Kastraten niederknieten. 

Von dem neapolitanischen Ensemble Accordone zu schwärmen, war schon im Vorjahr Gelegenheit. Sie traten auch in Regensburg auf. Hier sind Ausnahmemusiker am Werk, die zu Lobesorgien hinreissen. In diesem Jahr stand Musik "von den Straßen der beiden Sizilien" auf dem Programm: Straßen- und Volksmusik, die über Jahrhunderte lebendig war, mündlich weitergegeben wurde und heute immer mehr ausstirbt. Nicht E-, sondern frühe U-Musik, falls dieser Unterscheidung für die ersten Jahrhunderte der Neuzeit, als Volks- und hohe Musik noch nahe beieinander lagen, überhaupt irgendeine Bedeutung zukommt.

Angeführt von einem Ausnahmesänger wie Marco Beasley - dessen Stimme ganz natürlich fließt und Reminiszenzen an die frühe Homophonie ebenso zu wecken versteht, wie sie Obertonsingen in der Manier der Mongolen einlöst, nur unendlich sanfter und südlicher, weit weg von der rauhen Steppen Innerasiens - ist da ein Ensemble am Werk, das sich auf Zupfinstrumente aller Art ebenso versteht wie auf die alte Rahmentrommel. Für dieses Projekt hat sich Accordone mit Giuseppe de Vittorio verbündet, einem Sänger, Schauspieler und Musiker, der mit der Volksmusik der alten Zeit eng verbunden ist wie kaum ein anderer und nicht nur in der Volkstonmanier zu singen versteht, sondern die Castagnetten in einer geradezu aristokratischen Eleganz anzuschlagen versteht. Wie ja überhaupt in den beiden Sizilien die Musik alles anklingen zu lassen vermag: das Arabische ebenso wie das Griechische und das kubanisch anmutende Spanische.

Der Kreis schließt sich: De Vittorio kommt von Roberto De Simones Theatertruppe her. Und der neapolitanische Regisseur wiederum ist ein enger Freund Riccardo Mutis.

Anton Sailer