"Irmingard", die letzte Premiere der Salzburger Festspiele 2008: ein wahres Stück Musiktheater
(Salzburg, 25. August 2008) Salzburg Festival, quo vadis? Natürlich war auch für solch ein anspruchsvolles Unternehmen nie in Frage gestellt worden, dass die Veranstaltungen und Aufführungen auch der Unterhaltung dienen sollen. Aber gelegentlich kommt in der Intendanz von Jürgen Flimm die Vermutung auf, dass sie einzig und allein der Unterhaltung dienen sollen. In solchen Fällen wird die Grenze zwischen Kunst und Klamauk auch in Salzburg bedenklich löchrig. Und das dann noch bei der letzten Premiere im Bereich "Oper" der Festspiele 2008.
Das Opus heißt "Irmingard", hatte seine Uraufführung am Sonntag und stammt vom Wiener Bläserensemble "Mnozil Brass" sowie dem Autor Bernd Jeschek. Intendant Flimm kannte die sieben Blechbläser bereits von einem Auftrag für die Ruhrtriennale, die er zuvor leitete, und dachte sich, was der Ruhr frommt, muss auch an der Salzach gut ankommen. So bat er die Jungs aus Wien, ihm für Salzburg "was zu machen", wie es im Programmheft heißt, "bitte eine schöne Oper". Heraus kam für Salzburg "Irmingard", hundert Minuten Musikwerk für blechblasende Musiker und singende Blechbläser. Eine "schöne Oper" oder nur eine schöne Bescherung?
Der Eindruck im Uraufführungsort, dem "republic" genannten ehemaligen Stadtkino in Salzburg, war zwiespältig. Idee und Darstellung weisen ganz in Richtung Klamauk. Es geht um sieben Prinzen aus verschiedenen Weltgegenden, die nach vermehrungsfreudigen Frauen suchen und um eine Kaisersenkelin mit sechsfacher Entourage, die wegen ihrer Sprödigkeit und ihres Aussehens kein Mann haben will. Aber die Damen - natürlich die Mnozil-Bläser -geraten in die Höhle eines Drachen, erfahren dort Läuterung und stoßen kurz darauf auf die frauenbedürftigen Männer. Denen war zwar die ausgiebig zelebrierte Rettungsaktion nicht gelungen, aber dann gerieten sie zur rechten Zeit in die Zugbahn der Frauen. Happy ending, alles bestens. Gehört so was wirklich nach Salzburg? Heute wahrscheinlich: ja.
Wirklich beachtlich ist der musikalische Beitrag der "Mnozil-Brass"-Mannen, die sich nach einem Beisl unweit der Wiener Musikhochschule benannt haben. Fast zwei Stunden lang spielen sie alles von ihnen selbst Komponierte (und gewiss auch Improvisierte) auswendig und mit hinreißender technischer Raffinesse. Wie Mnozil-Brass die Klänge moduliert und damit die Geschichte der wackeren Männlein und Weiblein erzählt, das ist "Musiktheater" ganz im Sinn des Wortes. Nichts ist hier auf Perfektion getrimmt oder auf Hochglanz poliert. Fast könnte man sagen: Jeder Mnozil-Brassist spielt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Aber weil dies alles auf einem auch dem Zuhörer immer wieder den Atem raubenden Niveau geschieht, gibt es im Zusammenspiel auch immer wieder Momente schönsten Blech-Ensemble-Glücks. Das wird hier ausgiebig zum Genuss ausgebreitet, da darf das unzweifelhaft geneigte Publikum großzügig staunen.
Dennoch: Salzburg pflegte lange Zeit der Ort zu sein, an dem durch die höchste Kunst in der Kunst neue Erkenntnis gewährt wurde. Die Erkenntnis dieses Abends ist, dass Mnozil-Brass eine tolle Truppe ist und dass diese Bläser auch ganz passabel singen und ulkig spielen können. Aber dünne Storys bleiben dünn. Auch damit muss man sich, in diesem Fall, zufrieden geben.
Laszlo Molnar
Weitere Aufführungen am 26. und 27. August, jeweils 20 Uhr. Im Radio-Programm ORF2 am 29. September 2008 um 23 Uhr 30.
www.salzburgfestival.at