Neues im Bekannten entdecken

In der Dominikanerkirche brachte "La Colombina" die Zuhörer zu meditativer Einkehr. Foto: TAM/H.Meier

Am Pfingstwochende war Regensburg wieder ein Hot Spot für alle Freunde der alten Musik. Zeit der "Tage Alter Musik".

(Regensburg, 13. Mai 2008). Die Donaustadt mit ihrer schier unübersehbaren Fülle an historischen Bauwerken aus Mittelalter, Gotik und Renaissance, seit 2006 Weltkulturerbe, quoll über vor Besuchern und die Tage Alter Musik legten mit ihrem internationalen Programm noch ein Schäufelchen an Weltläufigkeit drauf. In vierzehn Konzerten an dreieinhalb Tagen waren Ensembles und Künstler aus Deutschland, den Niederlanden, Frankreich, Spanien, Italien, den USA, der Schweiz, Polen, der Tschechischen Republik und Belgien in Regensburg zu Gast. Bis auf die Nachtkonzerte waren alle Konzerte ausverkauft, die Räume fassen zwischen 300 und 800 Besuchern.

Unter den Künstlern waren Spitzennamen der Alte-Musik-Szene wie der Baltimore Consort, das Bläserensemble "Piffaro", das Orchester "Anima Eterna", die "Netherlands Bach Society" oder die Akademie für Alte Musik Berlin. Dasss dies mit einem Budget von gerade einmal 230.000 Euro zu Stande kommt, mutet angesichts der sonst üblichen Kosten für Kulturveranstaltungen wie ein Wunder an. Erklärungen dafür im demnächst folgenden Gespräch mit Festival-Geschäftsführer Paul Holzgartner.

Der Glaube an die Musik

Will man die positive Seite dieses Zustandes betrachten, dann kann man nur den Glauben sehen, der Berge versetzt. Diesen Glauben an die Macht der alten Musik tragen die Initiatoren und künstlerischen Leiter des Festivals, Stephan Schmidt und Ludwig Hartmann, seit nunmehr 24 Jahren in sich. Und er macht keine Anzeichen, dass er sie verlassen wolle.

Jahrgang 24 war vor allem geprägt von einem hohen musikhistorischen Anspruch. Keine Epoche wurde ausgelassen, der mittelaterliche Guillaume de Machaut erklang genau so wie die Spätromantiker Hector Berlioz und Franz Liszt. Daran ist aber auch abzulesen, dass auch an diesem Ort die Szene die großen Tage ihres Sturmes und Dranges bereits hinter sich hat. Alle Epochen sind von der Aufführungspraxis mittlerweile erreicht und beackert worden, alles wurde der Probe auf den neuen "alten" Klang unterzogen. Auch in Regensburg. Statt bahnbrechender Entdeckungen gibt es vor allem neue Facetten des bereits Bekannten. Sei das nun Mendelssohns "Elias" mit den Regensburger Domspatzen und der Akademie für Alte Musik Berlin zu Beginn, Bachs h-Moll-Messe mit der Netherlands Bach Society in der Mitte und Berlioz und Liszt mit dem Symphonieorchester Anima Eterna zum Ende des Festivals.

Musizieren mit Freude und Faszination

Also alles Routine jetzt auch in Regensburg? Keinesfalls. Und das ist der spezielle Reiz. Orte wie dieser sind die Refugien wahren Musizierens. Eines Musizierens, dem, jedenfalls nicht erkennbar, keine Manager und Rentabilitätsrechner im Nacken sitzen und keine Supergagen blindwütig angebeteter "Superstars". Eines Musizierens, das bestimmt ist von der Freude und von der Faszination, welche die Musik auch in den Musikern auslöst. Selten merkt man Musikern die Ehrfurcht, die Überraschung derart an, die in ihnen ihr eigenes Musizieren auslöst. Und mit dieser Haltung sind sie in der Lage, vermeintlich Bekanntem Seiten abzugewinnen, die so noch nicht zu erleben waren.

Eine neu gehörte h-Moll-Messe

Das eindrücklichste Resultat in dieser Hinsicht präsentierte die "Netherlands Bach Society" mit ihrer Aufführung von Bachs h-Moll-Messe. Der Leiter des Ensembles, Jos van Veldhoven, geht in seiner Auslegung der Partitur einen radikalen Weg, der durch die Aufnahme auf CD (erschienen bei Channel Classics) bereits einem größeren Hörerkreis bekannt ist. Veldhoven teilt die Aufgaben von Chor und Solisten gewissermaßen horizontal: Beide Gruppen bilden Chöre, die sich in den Chorsätzen dann auch ergänzen. Am deutlichsten wird dies in den sechs- beziehungsweise achtstimmigen Sätzen des "Sanctus" und des "Osanna". Hier alternieren die Solistengruppe und die "Ripienisten", die den Chor bilden, in den Partien, die sonst "Chor I" und "Chor II" zugeteilt werden. Ähnlich geht Veldhoven im Kyrie vor, wo immer die Solisten die Anrufungen einleiten. Auf CD funktioniert das dank der Tontechnik klar hörbar und mit räumlicher Plastizität. Aber geht es auch im großen Kirchenraum?
Die Antwort auf diese Frage fiel in der Regensburger Dreieinigkeitskirche überwältigend aus. Nicht nur hatte das Solistenquintett keinerlei Schwierigkeiten, sich durchzusetzen und die Chorsätze mit einer charakteristischen Farbe anzureichern. Die Verteilung der Chorpartien intensivierte zudem ihren Ausdruck dramatisch, die Anrufungen des "Kyrie" gerieten zum Ausdruck einer echten Sehnsucht, das Sanctus entfaltete tatsächlich jenen  ekstatischen Taumel, der in den aufsteigenden Girlandenfiguren des "Sanctus"-Motivs angelegt ist, und endlich einmal leuchtet ein, warum das "Osanna" auf zwei Chöre verteilt ist: der eine ist nämlich den Solisten zugedacht.
Veldhoven liefert mit seiner Version der "solistischen" Aufführungen die bezwingendste Begründung für diese Praxis, die so radikal durch Joshua Rifkin eingeläutet wurde. Bach bezieht sich in der h-Moll-Messe nicht nur auf die großen Traditionen der Textvertonung. Mit der Absicht, den sächsischen Hof in Dresden mit seiner einzigen katholischen Messkomposition zu beeindrucken, berücksichtigte er auch die bekannten Verhältnisse der Dresdner Musikkultur, in der Heinrich Schütz die Aufteilung in "Favorit"- und "Kappell"-Chöre zu höchster Ausdruckskraft geführt hatte. Indem Veldhoven diese strukturelle Vorgabe zur Steigerung des künstlerischen Ausdrucks einsetzt, zeigt er die h-Moll-Messe als noch größeres Gesamtkunstwerk, als das sie bisher schon bekannt war. 

Meditieren mit Victoria und "La Colombina"

Einen nicht weniger starken Eindruck hinterließ das Nachtkonzert des Ensembles "La Colombina" aus Spanien. Eine Dame und drei Herren, die sich auf Vokalpolyphonie von aus Spanien stammenden Komponisten spezialisieren. In der frühgotischen Dominikanerkirche gaben sie um viertel vor elf am Samstag ein Nachtkonzert mit Auszügen aus der Karfreitagsmusik von Tomas Luis de Victoria. Victoria lebte von 1548 bis 1611 und verbrachte den größten Teil seiner Zeit als Kirchenmusiker in Rom. Victoria ist mittlerweile anerkannt als der große Erbe Palestrinas, der dessen radikale Vereinfachung der Vokalpolyphonie im Sinne einer maximalen Verständlichkeit des Textes für eine maximale Verinnerlichung des Ausdrucks nutzte. Seine Kompositionen entfalten die meditative Tiefe und Intensität der Ruhe, die den nüchternen Sätzen Palestrinas noch fehlt. "La Colombina" machte aus den Sätzen aus Victorias Karfreitagsmusik eine Stunde der freien Seelenwanderung. Mit solcher Reinheit, Kraft und Größe stellten sie die Akkorde Victorias in den sparsam erleuchteten gotischen Raum, dass sich plötzlich alle Gedanken vom Strom dieser Musik gelenkt  fanden. Das ist Musik, die so schlicht und stark ist, dass sie Raum und Zeit außer Kraft und in eine neue Dimension setzt. Kein Missverständnis, bitte: Bach kann das auch. Aber mit wie wenig Mitteln das geht, auch mit wie wenig Musikern, dafür steht Victoria in der Interpretation von "La Colombina" wirklich einzigartig da.

Musik einfach zum entzückt sein

Alleine deswegen hätte es sich schon gelohnt, in Regensburg gewesen zu sein. Aber da war ja noch anderes, das die zeitlose Fähigkeit der Musik, Entzücken und Freude zu bereiten, wieder unter Beweis stellte. Etwa der Auftritt des Tanzensembles Cracovia Danza - Ardente Sole aus Polen und des Orchesters "Collegium Marianum" Prag. Sie rekonstruierten im Neuhaussaal des Regensburger Theaters eine höfische Vergnügung des 18. Jahrhunderts. Tänzerinnen und Tänzer in aufwändigen historischen Kostümen zeigten die ganze Grazie und Anmut, aber auch die stilisierte Strenge barocker Tanzkunst. Die besteht vor allem aus Sprüngen, Drehungen und Ensembles, in denen es genauso auf die Stellung der Hände und die Mimik des Gesichtes ankommt. Selbst durch "Special effects" abgebrühte Kinobesucher können sich dem Reiz dieser im Sinne des Wortes springlebendigen Kunst nicht entziehen. Das Konzert erntete die reine Begeisterung.  Am Abend dieses Tages dann führte das Orchester "Capriccio Basel" eine andere Art der Barockorchester-Kultur vor: wo das Collegium Marianum durch einen ganz weichen, zarten Klang für sich eingenommen hatte, da punktete das "Capriccio Basel" - in Kompositionen von Vivaldi, Bach, Muffat und Rameau - mit der herb-glänzenden Seite des Barock-Klanges. Die Oboistin Kerstin Kramp und der Flötist Karel Valter lieferten bewegende Beiträge in ihren Partien in den Konzerte von Vivaldi und Bach, die an die besten Zeiten der Solisten des Concentus Musicus Wien erinnerten. Dass Konzertmeister Dominik Kiefer auf seiner Geige Töne erzeugte, die ebenfalls an die früheren Tage der Aufführungspraxis erinnerten - aber leider im leidvollen Sinne - wollen wir seiner Tagesform zuschreiben. Im Ensemble stimmte alles.

Franz Liszts Niederlage

Kammermusik der Renaissance mit dem Baltimore-Consort im Reichssaal, Bläsermusik der Renaissance mit dem ebenfalls aus den USA stammenden Ensemble "Piffaro", drei der vier Orchestersuiten Bachs mit "Le Concert francais" unter Pierre Hantai, Gambe und Laute mit Vittorio Ghielmi und Luca Pianca: das Defilee bekannter Namen steuerte auf das Konzert zu, das einer der Höhepunkte werden sollte: Musik von Berlioz und Liszt mit dem Symphonieorchester "Anima Eterna". Dieses Orchester hatte bereits vor zwei Jahren mit einem spätromantischen Programm in Regensburg für Diskussion gesorgt. Jetzt ging es sozusagen ans Eingemachte: der zweite Teil des Abends war ganz Berlioz' Symphonie Fantastique gewidmet, dem Paradestück spätromantischer Orchesterklang-Theatralik. Für den Eindruck, den diese Aufführung hinterließ, muss man sich hier auf die Aussage verlässlicher Zeugen verlassen - der erste Teil des Abends mit Stücken von Berlioz und Liszt war eine derartige Katastrophe, dass dem Klassikinfo-Team nach der Pause die Lust verging. Musik kann manchmal auch eine Qual sein.
Die "Fantastique" also habe viele neue Facetten gezeigt, speziell, was Berlioz' ganz auf Effekt gerichteten Einsatz bestimmter Instrumente anbelangt, der Posaunen etwa. Das Orchester  habe gut zusammengespielt und dank der Zartheit der einzelnen Instrumentenklänge eine ungewohnte Farbigkeit erzeugt. Man könne sich nun  deutlich besser vorstellen, was Berlioz beim Komponieren dieses Stückes angetrieben habe. Er kannte eben den Klang der Instrumente seiner Zeit sehr genau.
Liszt hingegen musste im gnadenlos enthüllenden Klang des Originalklang-Orchesters kapitulieren. Seine "Zwei Episoden aus Lenaus Faust" entlarvte "Anima Eterna" im unerbittlich trockenen Klang des Velodroms als Machwerk ohne jede Substanz, als hilfloses Arrangement nicht genau durchdachter Klangereignisse. Kaum besser erging es Berlioz' "Römischem Karneval", und Liszts "Totentanz" für Klavier und Orchester konnte nur bestehen, weil Rian de Waal am Erard-Flügel eine so virtuose Nummer ablieferte. Dazu war das Orchester im ersten Teil nur dürftig eingespielt. Bei der Symphonie Fantastique hingegen muss alles gestimmt und das Orchester die richtige Inspiration gezeigt haben.

Scheitern gehört zum Wagnis. Und was sonst als solcher Wagemut ist es, der nach Regensburg gehört? Letztlich kam die Erkenntnis dabei heraus, dass man mit dem Komponisten Liszt immer weniger rechnen darf. Denn der Mann war in erster Linie Virtuose und Showman. Wenn die Alte-Musik-Szene mit unnötigen Sentimentalitäten aufräumt und solche harten Fakten schafft, dann muss man ihr dafür dankbar sein.

Laszlo Molnar