Exot mit Exoten

Andrew Manze Bild: harmonia mundi

Der Barockgeiger und Dirigent Andrew Manze leitete die Münchner Philharmoniker mit einem Programm der Außenseiter.


(München, 1. Juli 2008) Auch die Münchner Philharmoniker können sich nicht mehr dem Trend verschließen, Dirigenten ans Pult zu lassen, die auf anderen Wegen als der klassischen Dirigentenausbildung zu ihrer Berufung gelangt sind. Vor allem Musiker aus der Originalklang-Szene sind auf individuellen Wegen am Dirigentenpult gelandet. Einer davon ist Andrew Manze, der am vergangenen Wochenende eine Reihe von vier Konzerten der Münchner Philharmoniker in der Philharmonie im Gasteig dirigierte. Auf dem Programm völlig Exotisches: Eine "Hamlet"-Ouvertüre des Stargeigers der Romantik, Joseph Joachim; die zweite Sinfonie von Max Bruch (wer hat je von er ersten gehört??) und wieder Joachim, diesmal mit seiner Bearbeitung für großes Orchester von Schuberts Sonate für Klavier zu vier Händen "Gran Duo".

Der aus der Nähe von London stammende Andrew Manze ist von Haus aus Geiger. Von vorn herein beschäftigte er sich mit der Barockvioline, studierte bei Simon Standage, dem einstmaligen Konzertmeister des "English Concert" und spielte in Londons berühmten Barockorchestern. Schnell profilierte sich Manze als einer der herausragenden Virtuosen der Barockgeige. Aber wie etliche seiner Barock-Kollegen trieb es auch an die Spitze eines Orchesters. Seit 2007 ist er Chefdirigent des Helsingborg Symphony Orchestra. Was ihn dann auch für Aufgaben vor den berühmtesten Sinfonieorchestern der Welt qualifiziert, wenn diese einmal einen Ausflug in eine andere Klangwelt machen wollen.

Die Münchner Philharmoniker zeigten beim letzten Konzert der Reihe am Montag, wie bereit sie zu diesem Abenteuer sind. Bei den "Original"-Leuten scheinen sie sich gut aufgehoben zu fühlen, das hörte man deutlich schon im vergangenen Jahr unter Thomas Hengelbrock. Auch mit Manze lief alles ohne Probleme. Vorbei wohl die Zeiten, als sich "klassisch" ausgebildeten Musikern die Bogenhaare sträubten, wenn sie nur an "Originalklang" dachten. Hier aber: sauberer, durchaus voluminöser und gerundeter Klang, prononcierte Bläser, sowohl Blech als auch Holz, und transparente Ortbarkeit aller Stimmen. Das schadet keinem Sinfonieorchester.

Über das Programm lässt sich streiten. Zu Begrüßen war die Entscheidung, nicht schon wieder das Bekannte vorzuführen. Aber zugleich wird immer klarer, dass es kaum Alternativen gibt. Wer Brahms, Schumann oder Mendelssohn nicht mehr hören kann, landet bei Bruch, Hummel und ähnlichen. Robert Schumann fand als Musikkritiker stets gütige Worte auch für weniger illustre Kollegen. Aber wer Schumanns Berichte kennt, der weiß, wie er wirkliches Talent zu loben wusste.  Also war dieser Abend der ebenso ehrenhafte wie vergebliche Versuch, "Neues" aus alten Zeiten schmackhaft zu machen. Immerhin kann man anhand der Bemühungen eines Joachim oder Bruch, aus recht dünnen Motivideen ganze Werke zusammenzuschustern, erst richtig ermessen, über welches Genie die Großen der Musik verfügen durften. Und sie deshalb um so mehr lieben. Und Joachims Instrumentation der Schubert-Sonate? Wenn Schubert dafür ein Orchester hätte haben wollen, hätte er das Werk dafür komponiert...

Manze als Dirigent gehört noch nicht zu den großen Gestaltern. Er kann eine auf Klarheit, Sauberkeit, Durchhörbarkeit gerichtete Klangvorgabe einfordern und den Lauf der Dinge gut unter Kontrolle halten. Aber gerade bei Joachim-Schubert liefen ihm die Zusammenhänge davon, wodurch der thematische Zusammenhalt im Gewoge des großen Orchesterklangs völlig verloren ging.

Unbegabt ist Manze nicht. Er sollte wiederkommen. Dann aber mit einigen echten Klassikern. Der für "große" Dirigenten viel zu heikle und raffinierte Haydn ist bei ihm sicher in guten Händen.

Laszlo Molnar