Ein Abbild des Vorbilds

Freude kommt nur wenig auf in Einar Schleefs "Nacht". Foto: A.T. Schaefer

"Die Nacht" - ein Mozart-Pasticcio von Anna Viebrock nach Einar Schleef mit der Bayerischen Theaterakademie im Münchner Prinzregententheater

(München, 25. Juni 2008). Die Bayerische Theaterakademie August Everding zeigt als neueste Produktion im Münchner Prinzregententheater  "Die Nacht", eine Szenenfolge mit Texten von Einar Schleef und mit Musik von Mozart. Das Bühnenbild und die Inszenierung stammen von Anna Viebrock, den musikalischen Beitrag leistet die "Neue Hofkapelle München" unter ihrem Leiter Christoph Hammer. Der Vielfach-Künstler und Theatermann Schleef - er starb 2001 - hatte die ersten Entwürfe zu "Die Nacht" bereits in den 1980er-Jahren skizziert. Diese Fassung von Anna Viebrock mit Studierenden der Theaterakademie firmiert nun als Deutsche Erstaufführung. In Koproduktion mit der Ruhrtriennale wird sie dort, in Essen, Ende September zu sehen sein.

Vielleicht wäre das Stück Ende der Achtziger oder in den Neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine Sensation geworden. Mozarts Musik als Folie und roter Faden zugleich für eine Abfolge von Szenen, in denen es um den Menschen, seine Liebe, seine Sehnsucht, seine Einsamkeit geht. Aber nun kommt es zu spät, denn andere waren schneller und haben dem Genre des Mozart-"Pasticcios", des zusammengefügten Kunstwerks, ihren Stempel aufgedrückt: Karl-Ernst und Ursel Herrmann mit ihrem Stück "Ombra Felice" bei den Salzburger Festspielen und Alain Platel mit "Wolf" bei der Ruhrtriennale und den Wiener Festwochen. Dazu kann man als Referenz noch Herbert Wernickes Inszenierung von sechs Bach-Kantaten und Christoph Marthalers Version der "Schönen Müllerin" heranziehen. Alles "Kompositionen" von höchster poetischer Wirkung, die ihren Zauber gerade den Brüchen zwischen den unterschiedlichen Musikstücken verdanken und der gedanklichen Tiefe und Kreativität, mit denen die Regisseure sie zu einem Werk gefügt haben.

Anna Viebrock, sagen wir es in knappen Worten, ist dafür keine Regisseurin. Ins Prinzregententheater hat sie einen wundervoll morbiden, weiten Raum gebaut, der eine Kirche und ein Theater zugleich suggeriert. In der Kirche kauert das Grüppchen der siebzehn Darstellerinnen und Darsteller in den Bänken, im Theater wird gelebt, geliebt und gelitten. Man sieht genau, dass Anna Viebrock sich ihr Regiewissen bei Christoph Marthaler abgeschaut hat. Auch ihre Figuren stehen gern gekrümmt da, verbogen, fast verrenkt. Sie lässt sie schlurfen, Plätze tauschen, sich im Krampf der Lust hingeben. Aber da ist eben der Unterschied: Während Marthaler das alles selbst durchlitten zu haben scheint, markiert Viebrock nur. Sie arrangiert die Figuren, wie sie es beim Meister beobachtet hat. Dessen bezwingende Kraft aus dem Zusammenprall von bitterem Humor und durchlittener Tragik kann sie aber nicht entfesseln. Besonders gibt dies das "Lied der Trennung" zu erkennen, das nacheinander von vier Männern vorgetragen wird, wie in einer Endlos-Schleife. Nie gelangt das in jene Tiefen der Verzweiflung, die Marthaler mit derselben Methode in der "Schönen Müllerin" erreicht hat.

Deshalb bleibt der neue Mozart-Abend nur ein Abbild seiner Vorbilder, eine Hülle ohne tragenden Inhalt. Man denkt an Herrmann, an Platel, an Marthaler und sucht als Zuschauer nach deren Tiefe, Melancholie und Verzückung. Die Vergeblichkeit dieser Suche ist der einzige - heftige - Schmerz, den diese Produktion zurücklässt.

Laszlo Molnar

Weitere Aufführungen am 28 Juni, am 1., 3. und 5. Juli.