Salzburgs Krise der anderen Art

Ruzicka verlängerte nicht, Flimm will früher weg - die Salzburger Festspiele haben Schwierigkeiten mit dem künstlerischen Format

Von Laszlo Molnar

Die Salzburger Festspiele stecken in einer Krise. Nicht in einer finanziellen, sondern in einer inhaltlichen. Über das Ergebnis nach dem Kassensturz können sich die Präsidentin der Festspiele, Helga Rabl-Stadler, und ihr Finanzdirektor Gerbert Schwaighofer, gar nicht genug freuen. Von der künstlerischen Bilanz wird in einer anderen, direkteren Sprache geredet. Jener der Drohungen und Abgänge. Es kam schon überraschend genug, dass der Leiter des Schauspiels, Thomas Oberender, vorzeitig das Handtuch warf und 2009 die Festspiele verlassen wird. Sein Schauspielprogramm strotzte zwar nicht vor Saft und Kraft, wirkte aber wohl überlegt und sorgsam durchdacht. Er nahm sich immer viel Zeit, es in allen Details der Presse und der Öffentlichkeit vorzustellen. Zu viel Zeit vielleicht? Niemand will jedenfalls die Verantwortung für Oberenders vorzeitige Aufgabe übernehmen. Der Verdacht liegt nahe, dass so ein Stil den Salzburger Festspielen der Nach-Mortier-Ära nicht mehr liegt.

Und jetzt Flimm? Der sagt, die Salzburger Festspiele trieben zu sehr in Richtung Kommerzialisierung. Aber hatte er denn Spielpläne bereit, die sein gegenteiliges Bemühen belegen würden? Oder beugte er sich mit seinem flauschigen Wohlfühl-Programm nur dem Diktat der Finanzleute, die beim Kassensturz jubeln wollten? Jedenfalls hatte man auch bei Flimm - wie schon bei seinem Vorgänger Peter Ruzicka - nie den Eindruck, die Salzburger Festspiele seien ihm wirklich eine Herzensangelegenheit. Wie sie es Gérard Mortier rundherum waren.

Seit Mortiers Abgang kommt man nicht umhin, beim elitärsten Kulturfestival der Welt eine Art Verwahrlosung festzustellen. Es wurden Intendanten installiert, die offenbar andere Ziele verfolgten als das hier einzig gebotene, nämlich die höchste Qualität des Künstlerischen zu erreichen. Mehr als um das Format der Kunst ging es um das Format der eigenen Eitelkeit und das Format des Publikums, das sich vor allem in dessen Zahlungsfähigkeit bemaß. Die Intendanten kapitulierten vor der Unlösbarkeit dieses mehrfach verflochtenen Knotens: Ruzicka ließ seinen Vertrag nicht verlängern, Flimm will ihn gar früher lösen.

Solche Kapriolen kann man sich an der Salzach, wo die höchsten Gagen gezahlt und die höchsten Preise verlangt werden, nicht leisten. Für die Leiter, die nach Salzburg bestellt werden, sollte es eine Ehre sein, an diesem Ort arbeiten zu dürfen, ein Ansporn, die besten Ideen zu entwickeln. Statt dessen zeigten sowohl Ruzicka als auch Flimm sehr bald, wie sehr ihnen der ganze Laden auf die Nerven geht.

Waren das die falschen Leute? Oder stimmt das Umfeld nicht? Wollen die Salzburger Festspiele jedenfalls in Zukunft noch als Ort künstlerischer Erneuerung ernst genommen werden, muss jetzt sofort eine Intendanten-Lösung her, die von Inspiration und Energie getragen ist und nicht bestimmt von kleinlichen Rechnereien und innerösterreichischen Machtspielchen. Am Ende muss Gérard Mortier wieder her.

Und wie schreibt Stephan Speicher in der Süddeutschen Zeitung: "Wir wissen nicht, ob Jürgen Flimm je ein Vulkan war, als sicher kann gelten, dass er erloschen ist."