Wo gehobelt wird...

Violinkonzerte von Beethoven und Mozart mit Nigel Kennedy, Violine und Leitung. Polnisches Kammerorchester. EMI 3 95373 2.

Nein, diesen Beethoven braucht die Welt nicht. Diese CD vielleicht schon. Nigel Kennedy und das von ihm geleitete Polnische Kammerorchester präsentieren zunächst einmal ein Beethovenkonzert der ungehobelten Sorte. Orchester, wie auch der Solist, scheinen unter einer eigenartigen Überspannung zu leiden. Das lässt zwar einen gewissen  romantisch-dramatischen Impetus zu. Der Drang zur Freiheit äussert sich aber auch in inkonsequenter Artikulation oder Trillern, die mal expressiv von oben, mal von unten angegangen werden. Warum solches? 
Auch beim D-Dur-Konzert von Mozart fliegen die Späne der Unbekümmertheit weit vom Notentext weg. Aber dann spielt Kennedy eine Kadenz, die dann doch aufhorchen lässt. Nicht alleine, nur von der Pauke begleitet, sondern - mit dem ganzen Orchester! Der Solist greift zur E-Geige, die  Strings legen einen Akkordteppich drunter und los geht eine hübsche Jazznummer über den ersten Dur-Dreiklang, mit dem der Satz eröffnete.  Das - ob improvisiert oder nicht - wirkt überraschend. Und genau das soll eine Kadenz ja schliesslich sein. Gleiches gilt für den zweiten und dritten Satz. Zudem löst sich hier die ganze Anspannung der Aufnahme. Es wirkt, als wolle Kennedy erzählen, wie schön es  wäre, keine Klassik mehr spielen zu müssen. Aber er muss es ja nicht - keiner zwingt ihn dazu.

Benjamin Herzog

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