CD-Rezension

Zimro - A Broken Concert Tour. Music of the New Jewish School for Sextet
Hänssler

Jüdische Kunstmusik fristet noch immer ein Schattendasein im Klassik-Betrieb, auch wenn sie in den letzten Jahren allmählich mehr ins Bewusstsein gerückt ist. Einer, der sich sehr intensiv um diese Musik bemüht, ist der russisch-jüdische Pianist und Musikwissenschaftler Jascha Nemtsov, seit 1992 in der Bundesrepublik lebend und mittlerweile Mitglied des Instituts für Jüdische Studien an der Universität Potsdam. Seine aktuelle CD gehört zu einer Reihe mit Klavierkammermusik der so genannten Neuen jüdischen Schule, einer Gruppe von Komponisten, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts in Moskau und St. Petersburg, seinerzeit Zentren der aufkeimenden jüdischen nationalen Bewegung, für eine eigenständige jüdische Kunstmusik engagierten.

Diese sechste und letzte CD der Reihe ist Werken für Sextett gewidmet. Im Titel trägt sie den Namen des Ensembles, für das diese Kompositionen entstanden sind: "Zimro - A Broken Concert Tour" heißt die Platte, und "Zimro", zu deutsch: Gesang, hieß ein Ensemble, das sich kurz nach der Oktoberrevolution in St. Petersburg zusammenfand. Die Musiker hatten sich auf die Fahnen geschrieben, die Musik der "Neuen jüdischen Schule" bekannt zu machen und zugleich Geld für ein kulturelles Zentrum in Palästina aufzutreiben. Schon bald nach dem ersten Konzert begab man sich auf eine ausgedehnte und recht abenteuerliche Konzerttournee, die unter anderem durch Russland, nach Singapur und, man staune, China führte. Eigentlich hieß das große Ziel Palästina - aber in den USA war Endstation: Der Erfolg war so groß, dass die Musiker einfach da blieben. Simeon Bellison, der Kopf des Ensembles, wurde später Solo-Klarinettist des New York Philharmonic Orchestra.

Die Geschichte von "Zimro" war damit zu Ende, erhalten geblieben ist die Musik, die für diese außergewöhnliche Formation entstanden ist und die Jascha Nemtsov in jahrelanger Arbeit in Archiven in Israel, Russland und Deutschland aufgespürt hat. Ihr Reiz besteht in der farbenreichen Besetzung mit Klarinette, Streichquartett und Klavier und in der Verarbeitung traditioneller jüdischer Musik. Liturgische Themen, Kantorengesänge, Klezmer-Anleihen, aber auch folkloristische Wendungen finden hier neben Elementen der Neuen Musik jener Zeit ihren Platz, in mal melancholisch verschatteten, mal heiter-verspielten Kompositionen. Das einzige weithin bekannte Stück auf der CD ist die "Ouvertüre über jüdische Themen" op. 34 von Sergej Prokofjew, die das Ensemble Zimro seinerzeit in Auftrag gegeben hatte; daneben finden sich Werke heute weitgehend vergessener Komponisten wie Joseph Achron, Grigori Krejn oder Julius Chajes, der vier Jahre in Palästina verbrachte und in seiner Palästinensischen Suite dem Land und seinen Menschen ein Denkmal setzte.

Jascha Nemtsov hat sich für diese Einspielungen mit dem jungen israelischen Klarinettisten Chen Halevi und dem Vogler-Quartett zusammengeschlossen, für eindringliche Interpretationen einer vergessenen, entdeckenswerten musikalischen Welt.

Eva Blaskewitz

 

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