Begnadeter Barde

"Melancholie": Der Bariton Christian Gerhaher überwältigt mit einer CD mit Schumann-Liedern. RCA-Sony/BMG

2004 veröffentlichte Christian Gerhaher eine großartige Schumann-Platte - unter andem mit der "Dicherliebe", den Nikolaus-Lenau-Liedern op. 90 und "Belsatzar". Auch auf der neuen CD, die diesem Komponisten gewidmet ist, sind Bekanntes und Rares gemischt: Gleich der Beginn mit "Melancholie", einem zornigen, todessüchtigen Lied, zeigt den Anspruch des Baritons, vermeintlich Sperriges zu wagen. Aber selbst Wohlbekanntes wie der Eichendorff-Liederkreis op. 39, den er traurig flüsternd beginnt, klingt wie neu. Später lässt Gerhaher auch die "Mondnacht", "Wehmut" oder "Zwielicht" in vollendeter Zartheit leuchten und dank wunderbarer Legatokultur sanft ausschwingen. So entsteht im Wechsel mit dramatischen, lebendigen Liedern immer wieder ein feines Gewebe aus Text, harmonisch-melodischen Beziehungen und differenzierter instrumentaler Begleitung. Denn auch Gerold Huber, Gerhahers beständiger Klavier-Partner, scheint auf jede Wendung von Text und Stimme seismografisch genau zu reagieren.

Das kommt nicht zuletzt den selten zu hörenden "Sechs Gedichten aus dem Liederbuch eines Malers", op. 36, den "Gesängen des Harfners" und ebenso Rarem wie "Tief im Herzen trag' ich Pein" (op. 138/2) und "Der Einsiedler" (op. 83/3) zu gute. Ebenfalls wenig bekannt sind Robert Schumanns unmittelbar nach den Eichendorff-Liedern komponierte Andersen-Lieder op. 40. Der kleine Zyklus wird gekrönt von "Der Spielmann" über einen Geiger, der bei der Hochzeit seiner Geliebten, die einen anderen heiraten muss, aufspielt und dabei fast dem Wahnsinn verfällt.

Noch mehr in die Magengrube zielt "Der Soldat", das Lied aus der Feder zweier versteckt homosexueller Männer - Textdichter wie Komponist - über die innige Nähe eines jungen Soldaten zu einem anderen ("Ich hab in der Welt nur ihn  geliebt"), den er - warum auch immer - an der Seite seiner Kameraden exekutieren muss: "Acht Kugeln haben vorbeigefegt, ich aber traf ihn mitten in Herz." Es geht unter die Haut, wie hier das Klavier in einem versteckten Trauermarsch den Trommelwirbel für eine Erschießung simuliert, aber man muss es auch so singen wie Christian Gerhaher: mit verhaltener Stimme, die noch im Nonvibrato zu beben scheint und mit präziser Artikulation, die sich dennoch nie in den Vordergrund drängt.

So unverwechselbar und großartig Gerhahers Timbre klingt, ein Primat des Schönklangs kennt der Bariton nicht. Bei ihm stehen der Gehalt von Text und Vertonung im Vordergrund. Deshalb mischen sich gelegentlich in das Singen die fahlen, leisen Töne, manchmal sogar der eine oder andere bewusst angeraute Klang. Das freilich macht diese CD, deren Reichtum man erst nach mehrfachem Hören erfasst, so kostbar.

Klaus Kalchschmid

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