Glanz und Elend der Jungmanager

"Unter Eis" Foto: Foto: Oper Frankfurt/Wolfgang Runkel


Zweimal Oper Frankfurt: Paolo Carignanis Abschied mit "Fidelio" nach neun Jahren in Frankfurt - Falk Richters Managerstück "Unter Eis" mit der Musik von Jörn Arnecke

(Frankfurt 1./2. Juni 2008). Beethovens "Fidelio", Paolo Carignanis letzte Produktion nach neun Jahren als GMD, stand unter keinem guten Stern. Vorab distanzierte sich der Dirigent nicht nur von der ihm angeblich aufgezwungenen Produktion, weil ihm offenbar eine Verdi-Oper als glanzvollerer Abschied von seinem Frankfurter Publikum erschien, sondern machte gleichzeitig mit deutlichen Worten sein zerrüttetes Verhältnis zum Intendanten Bernd Loebe öffentlich. Hinzu kam, dass die vorgesehene Regisseurin Christina Paulhofer aus Krankheitsgründen die Probenarbeit für ihre erste Opern-Regie gar nicht erst antreten konnte. Bühnenbildner Alex Harb musste die Ausführung des Konzepts übernehmen und zeigte sich schlichtweg überfordert damit. Dagegen besaß sein karger, gelb leuchtender, geschlossener und Klaustrophobie erzeugender Raum durchaus Entschiedenheit. Denn von zwei Stühlen abgesehen ist er nur mit einer Metall-Bank im Zentrum möbliert, auf der ein später als Florestan identifizierbarer Mann mit Kapuze und Kopfhörern in einer Art innerer Emigration vor sich hin brütet.

Den ganzen Abend wird sich an diesem Raum außer der Intensität des Lichts wenig ändern. Leider aber gibt es auch keine schlüssige Personenführung, durch die Beethovens Drama eine klare Deutung erfahren hätte. Rätselhaft bleibt vieles, etwa dass der Chor, gesungen von erstmals wieder Tageslicht erblickenden Männern als eine adrette, gemischtgeschlechtliche Schar auftritt. Deren schöne Kostüme in Schwarz mit wenigen Farbakzenten (Henrike Bromber) signalisieren zumindest gedämpfte Heiterkeit, während in der Mitte der Bühne zwei Kinder als Zeichen von Hoffnung vergeblich einen an der Decke kleben bleibenden Drachen steigen lassen wollen.

Da aber im zweiten Teil dieser Raum, der diffus Gefangenschaft signalisiert, sich nicht verwandelt oder weiter verengt, verpufft Florestans an der Rampe gesungene Arie, nivelliert sich der Übergang von Kerkerhaft, Befreiung und Außenraum. Denn im Gänsemarsch kommen am Ende Menschen, die zuvor Gefangene waren, auf die Bühne und verteilen sich dekorativ. Am Ende löst sich ein gewaltiges Wüstenrot-Häuschen von der Decke und bleibt wie ein Damoklesschwert über den Figuren hängen, bevor es den Raum erneut verschließt. Der schon am Ende von Florestans Arie symbolisch aufscheinenden Sonne reckt nun auch das Volk seine Hände entgegen und beendet eine Inszenierung, die nur in wenigen Momenten zu berühren vermag und ein Torso geblieben scheint.

So lag die Last des Abends ganz auf dem Dirigenten und den Sängern. Erika Sunnegardh brachte für die Leonore ein schönes, leuchtendes Timbre mit und wird sich in der Profilierung der Rolle wohl noch steigern können. In Erinnerung bleiben wird neben einer bemerkenswert durchgehaltenen Intensität in jedem Fall ihr stumm verzweifeltes Gegen die Wände Rennen, das sich unmittelbar vor ihrer großen Arie in einem markerschütternden Schrei entlädt. Britta Stallmeisters Marzelline sang wohltuend lyrisch gehaltvoll und gar nicht soubrettenhaft, wie auch der Jaquino von Jussi Myllys angenehme tenorale Frische versprühte. James Creswell stattete Rocco mit einem warmen Bassbariton aus, erhielt aber darstellerisch ebenso wenig Profil wie die anderen Sänger. Michael König war ein gebührend heldischer Florestan, während Johannes Martin Kränzle als Pizarro schlicht fehlbesetzt war und eher einen uninteressanten Schreibtisch-Täter andeutete - ohne Hauch von Brutalität, Aggression oder gar Dämonie.

Paolo Carignani begann diesen "Fidelio" dramatisch und ebenso farben- wie facettenreich, entfaltete im "Mir ist so wunderbar"- Quartett eine magische Aura und offenbarte zu Beginn des zweiten Akts eine faszinierend düstere musikalische Welt, die schon auf Wagners "Ring" vorausweist und nochmals seinen überzeugenden Frankfurter "Parsifal" in Erinnerung rief. Doch anderes zerfloss in allzu weichen Konturen, der Gefangenenchor driftete auseinander, wie überhaupt der Chor nicht seinen besten Abend hatte und am Ende zum Forcieren neigte.

"Unter Eis" ? vom Glanz und Elend der Jungmanager

"Unter Eis" erwies sich dagegen als eminent kurzweiliges, bitterkomisches Stück. Es nimmt die Absurdität junger, karriereorientierter Manager aufs Korn, fulminant gesungen, gesprochen und gespielt vom Bariton Markus Brück, der einen ausgebrannten, sich verzweifelt gegen seinen Abstieg wehrenden Paul Niemand verkörpert und zwei Schauspielern (André Szymanski, Thomas Wodianka), die pausenlos redend den ganzen Aberwitz eines um jeden Preis erfolgsorientierten und gewinnmaximierenden Arbeitens zeigen. Fünf weitere, uniform weiß gekleidete Männer (Solisten des Philharmonia Chors Wien) sind die fleischgewordenen Ängste und Gewissensbisse des Protagonisten Mr. Nobody. Zugleich gehen sie mit ihm zum Survival-Training oder spielen in einem selbstverfassten erzkomischen Musical über das Schicksal einer Robbe. Was für ein furioses Feuerwerk an szenischen und sprachlichen Pointen (Libretto und Inszenierung: Falk Richter) erfüllte das Bockenheimer Depot! Das Kammerorchester aus solistischen Streichern, vier Hörnern und Schlagzeug (Leitung: Yuval Zorn), die in der gesamten Halle verteilt sind und in ihr wandeln, begleitete, illustrierte und vertiefte perfekt das Geschehen - allerdings mehr in Form einer durchkomponierten Schauspielmusik denn als Oper. Das freilich ist dem Sujet durchaus angemessen.

Alex Harb hat auch für diese Koproduktion mit der Ruhr-Triennale (Uraufführung im September 2007) die Bühne entworfen: Einen Raum, der zunächst ein gläsernes Zelt suggeriert, in dem das Publikum auf einer Tribüne Platz nimmt. Nach der Pause, als sich das Stück verdichtet und alptraumhafte Züge annimmt, öffnet sich die Rückwand und das Spielpodium fährt langsam über eine Wasserfläche ans Ende der nun frei einsehbaren Holz-Eisen-Konstruktion des ehemaligen Tram-Depots. Trotz hoher Temperaturen am Premierenabend machte die bald folgende Schlussszene frösteln: im Wasser aneinander gekauerte, stumme Männer, deren Schicksal in einem kleinen Jungen fortlebt, der schon all die Zwänge eines Erwachsenenlebens verinnerlicht hat und sie allein singend zum Besten gibt.

Klaus Kalchschmid

"Fidelio" am 6., 12., 15., 20., 23. und 27. Juni
"Unter Eis" am 4., 6. und 7. Juni
www.oper-frankfurt.de