Vom Feuerkopf zum Kraftwerk

Gustavo Dudamel. Bild: Mathias Bothor/Universal Classics

Gustavo Dudamel überraschte bei seinem Konzert mit den Göteburger Symphonikern in der Philharmonie im Gasteig in München mit sehr disziplinierter Stabführung

(München, 23. Oktober 2008) Gustavo Dudamel on Tour. Mit dem Gothenburg Symphony Orchestra (den Göteburger Symphonikern), dessen Chefdirigent er noch bis zur Saison 2009/2010 ist, bereist der junge charismatische Dirigent gerade Deutschland und Spanien. München war die letzte Station in Deutschland, bevor es, nach einem Abstecher zu zwei Konzerten nach Wien, nach Spanien geht.

Dass die Verbindung des temperamentvollen 27-jährigen Venezolaners mit dem 1905 gegründeten Traditionsorchester aus dem Norden ein glückliche ist, davon durfte sich das Münchner Publikum in der Philharmonie im Gasteig am Mittwoch in diesem von "musikerlebnis" veranstalteten Konzert überzeugen. Leider war das Konzert auch wieder einmal ein Beleg für die unbefriedigende Akustik in der Philharmonie. Das Orchester klang bei Sibelius Violinkonzert op. 47 stumpf und undifferenziert, bei der "Symphonie Fantastique" von Berlioz dann strengte Dudamel sich enorm an, die Klangfarben bestmöglich heraus zu holen. Dass das nicht am Orchester lag, davon konnte man sich überzeugen, wenn man die Hände an die Ohrmuscheln legte. Aber will man so mehr als zwei Stunden lang dasitzen?

Den Solopart in Sibelius' Violinkonzert spielte der 1985 in Eriwan geborene, nun in Deutschland lebende Armenier Sergej Khachatryan. Er präsentierte sich als Künstler mit großer Begabung und einem voll entwickelten Geigenton von großer Reife und Modulationsfähigkeit. Er versenkte sich restlos in seinen Part und investierte all seine technischen und emotionalen Mittel - darunter auch ein ausgeprägtes Vibrato. Ob das Sibelius wirklich gut tut, bleibt die Frage. Denn dieser Komponist hat zwar große Emotionen transportiert, hielt aber das handwerkliche und die Machart seiner Musik genauestens im Auge. Bei aller Intensität seiner Musik bewahrte Sibelius ihr eine nordische Klarsicht und Strenge. Dieser Solopart verlangt nach mehr Klarheit und nach mehr Distanz, als sie Khachatryan hier anbieten wollte. Was den Respekt vor der Virtuosität und der Stringenz seines Spiels keinesfalls schmälert.

Trotz der großen Besetzung des Orchesters kamen die Klangfarben auf dem Platz von "Klassikinfo" leider nicht richtig zum Tragen. Vom Sibelius-Konzert blieb also ein etwas disparater Eindruck. Wie das richtig zusammen geht, das zeigt die sehr schöne CD-Aufnahme mit Leonidas Kavakos und der Lahti-Sinfonia unter Osmo Vänskä. Eine exquisite Visitenkarte hinterließ Sergej Khachatryan dann in seiner Bach-Solo-Zugabe. So fragil, so gespannt, mit einer derartigen Kontrolle auch der leisesten Töne hört man das wirklich nur selten.

Perfekte Kontrolle zeigte Gustavo Dudamel dann im zweiten Teil des Konzerts, bei Berlioz' "Fantastischer" Sinfonie. Das bewährte Schlachtross orchestraler Klang- und Prachtentfaltung zäumte er mit großem Sinn für Detail und Timing auf. Dudamel ist in seiner seit 2007 währenden Amtszeit in Göteborg deutlich gereift. Von der kontinuierlichen Arbeit profitieren Musiker wie Dirigent gleichermaßen. Der einstige Heißsporn Dudamel weiß nun seine Kräfte zu versammeln und sie zu dosieren. Auch der Zuhörer kann die Musik gleichsam von Dudamels Dirigieren ablesen, und diese Disziplin der Gesten überträgt sich präzise auf die Musiker.

Dudamel hielt den stets zur Explosion bereiten Berlioz mit festem Griff im Zaum; das Zünden der großen Knaller wurde genau vorbereitet und quasi sekundengenau platziert. Um so schöner, um so überraschender ist die Wirkung, um so länger und tiefer zeigt das Feuerwerk seine Farben. Sehr schön auch der gebremste Walzer in "Un Bal". Liegt doch die Schönheit dieses Tanzes weniger in der Rasanz als in der Disziplin des Schritts, der den Tanz erst mit Spannung durchhalten lässt.

Gustavo Dudamel war eine Überraschung, indem er wohlfeile Erwartungen enttäuschte. Vom Feuerkopf hat er sich zu einem Kraftwerk gewandelt, das sein Orchester mit klug dosierter Energie versorgt. Mit künstlerischer Nachhaltigkeit. Das hat Zukunft für die großen Aufgaben, die noch auf ihn warten.

Laszlo Molnar