Schwache Stunden des Andreas Scholl

Foto: Opéra de Lausanne

In der Titelrolle von Händels "Giulio Cesare" zeigte sich Deutschlands Star-Kontratenor an der Opéra de Lausanne überfordert.

(Lausanne, 6. Mai 2008) Die elegante und etwas verschlafen wirkende Schweizer Kleinstadt Lausanne verfügt nicht nur über ein interessantes Kunstmuseum, sondern auch über ein Opernhaus mit einem Programm, das sich sehen lassen kann. Die "Opéra de Lausanne" bietet eine kleine aber sehr feine Spielzeit und darüber hinaus Recitals, die in der ganzen französischen Schweiz für Aufsehen sorgen. Sieben Opernaufführungen mit einem Budget von nur vier Millionen Euro.

Die Perle der diesjährigen Saison war ein Händel-Klassiker, den man auch an deutschsprachigen Theatern immer wieder zu sehen bekommt. Im April zeigte Lausanne "Giulio Cesare" und machte durch die Besetzung auf sich aufmerksam. Gleich vier  Kontratenöre sangen gegeneinander an, was den sehr reizvollen Eindruck aufkommen ließ, dass man es mit einer Art Sängerwettbewerb der hohen Männerstimmen zu tun hatte.

"Giulio Cesare" ist die 16. Oper Georg Friedrich Händels, uraufgeführt am 20. Februar 1724 im King's Theatre am Haymarket in London. Sicherlich ist es das bekannteste Werk Händels. Dafür gibt es vor allem einen Grund: die wie Perlen an einer Kette aneinandergereihten Arien. Die Rezitative hielt Händel in dieser Oper relativ kurz. Er kam damit dem Geschmack der Londoner Opernbesucher entgegen, die nur kurze Rezitative erduldeten. Ein zweiter wichtiger Grund ist die melodische Schönheit der meisten Arien, die so ganz ohne den tonalen Schnickschnack der meisten italienischen Opern des 18. Jahrhunderts auskommen.
Die Neuinszenierung in Lausanne bot, im Gegensatz zu Händels Vorgaben, vier und nicht nur drei Kontratenöre, wie sonst üblich. Man entschied sich für vier Sänger, um an den französischen Trend anzuknüpfen, der dahin zielt, in Barockopern weniger Frauen, dafür aber öfter Männer mit hohen Stimmen singen zu lassen. Ein stimmliches Wagnis, das nicht immer funktioniert. Wie das in Lausanne am Beispiel von Andreas Scholl deutlich wurde.

Das deutsche Stimmwunder sang die Hauptrolle des Giulio Cesare. In Händels Uraufführung sang in dieser Rolle der Kastrat Francesco Bernardi, Senesino genannt, den damalige Quellen als kraftvolle Frauenstimme beschrieben. Bei Andreas Scholl war davon keine Rede. Im Gegenteil.
Scholl verfügt über eine ausgezeichnete Gesangstechnik, aber für die stimmlich anspruchsvolle Rolle des Giulio Cesare war er eine Fehlbesetzung. Wenn Scholl langsame Arien sang, wie die ergreifend interpretierte "Se in fiorito ameno prato", ist er ein unbestrittener Meister seines Fachs, doch wenn es schnell wird und die Arien mit Tempo dahinfliegen, bleibt Scholl auf der Strecke. Sein Stimmvolumen wird immer dünner und auch sein Vermögen, den italienischen Text perfekt zu singen, leidet darunter. Schade.

Von einem ganz anderen stimmlichen Kaliber ist der Österreicher Max Emanuel Cencic, dem deutschen Publikum immer noch viel zu wenig bekannt. Der ehemalige Wiener Sängerknabe hat nicht nur eine perfekte italienische Diktion, sondern bestreit sämtliche Arien mit bemerkenswert kraftvoller Stimme. Eine Stimme, die auch bei jenen Arien nichts von ihrer Kraft verlor, die für Kontratenöre wegen ihrer Notenhöhe extrem schwierig sind. In Lausanne sang Cencic die Rolle des Sesto. Jede seiner Darbietungen löste Beifallsstürme aus.
Florin-Cesar Ouatu sang als Nireno nur eine einzige Arie, "Chi perde un momento". Doch dem Rumänen gelang es, sein ganzes Können in diese eine Arie zu legen. Bleibt zu hoffen, Ouatu in einer anderen Barockopern zu hören, um herauszufinden, was sonst noch in seiner Stimme steckt.
Christophe Dumaux sang den Tolomeo, der in der Lausanner Inszenierung von Regisseur Emilio Sagi als schwacher, dekadenter und von seiner Macht besessener ägyptischen Pharao beschrieben wurde. Eine gute und kraftvolle Stimme, ideal für Händelopern. Elena de la Merced als Cleopatra war eine Überraschung. Mit großer Leichtigkeit bestand sie auch die schwierigsten Arien und verlor sich nicht, wie Charlotte Hellenkant als Cornelia, in einer ständig unangenehm vibrierenden Stimme.

Interessant war die Regie von Emilio Sagi. Die römischen Eroberer Ägyptens waren ganz in Schwarz gekleidet und wirkten martialisch-ernst. Die weiß gekleideten Ägypter stellten die orientalische Dekadenz und Opulenz dar, von der sich die Römer angewidert und zugleich angezogen fühlen. Die farbliche Zweiteilung nutzte der Regisseur auch in den einzelnen Szenen für die Bühnenbeleuchtung.
Ein weiterer Star des Abends war der Dirigent, der italienische Barockspezialist Ottavio Dantone. Er bot mit dem eigentlich auf die Musik des 19. und 20. Jahrhunderts spezialisierten Orchestre de Chambre de Lausanne einen nahezu perfekten barocken Sound, der sich in keiner Weise hinter dem solcher Ensembles verstecken musste, die ausschließlich auf alte Musik spezialisiert sind.

Thomas Migge