Aus zwei wird eins

Foto: Oper Frankfurt

Janaceks "Ausflüge des Herrn Broucek" exzellent in der Oper Frankfurt und auf CD

(Frankfurt, 1. Mai 2008) Eigentlich sind Leos Janáceks "Ausflüge des Herrn Broucek auf den Mond und ins XV. Jahrhundert" zwei selbständige einstündige Opern, die nur durch ihre Titelfigur verbunden sind. Denn die Aufhebung von Raum - Broucek fliegt betrunken vermeintlich auf den Mond - und Zeit - ein weiterer Rausch katapultiert ihn aus dem Jahr 1888 ins Prag des Jahres 1420 - basieren auf zwei selbständigen satirischen Erzählungen Svatopluk Cechs (der sogar zu Beginn des 2. Teils auftreten darf). Außerdem komponierte Janacek den ersten Teil über einen Zeitraum von fast zehn Jahren höchst vielgestaltig, grotesk, fast dadaistisch, bevor er sich zu Beginn des Jahres 1917 entschloss, einen zweiten Teil zu entwerfen, der bereits Ende des Jahres fertig war. In seinem unverhohlenen, wenn auch durch Broucek gebrochenen tschechischen Nationalismus enthält er eine ganz andere, teilweise pathetischere und oft weniger aufgesplitterte Musik.

Johannes Debus und dem hervorragenden Museums-Orchester Frankfurt machte dieser stilistische Wechsel keine Probleme. So präzise und pointiert, farbenreich und lebendig, fein abgemischt und differenziert in den Tempi hört man Janaceks anspruchsvollen Orchestersatz selten: mal weich und warm in den Streichern, dann wieder kantig in den Bläsern; weder allzu scharf in den extrem hohen noch dumpf in den tiefen Lagen. Dem Dirigenten sowie stellvertretend den Kontrabässen und Blechbläsern ein Extralob!

Regisseur Axel Weidauer ließ die beiden Teile auf fast leerer schwarzer Bühne beginnen. Nur die weibliche Hauptfigur Málinka (später ist sie auch als Etherea männliches Sehnsuchtsobjekt auf dem Mond oder trauernde Tochter) darf Buntgeblümtes tragen. Und Juanita Lascarro ist eine Augen-, vor allem aber eine Ohrenweide. Ihr gehaltvoller, schillernder und großartig geführter Sopran stiehlt fast dem gleichzeitig herrlich verklemmten und aufmüpfig singenden und spielenden Broucek von Arnold Bezuyen die Show.

Dank einfacher theatralischer Effekte entsteht von Anfang an eine zaubererische Atmosphäre: schwarze Bodentücher werden zur Seite gezogen, oder weiße verschwinden in einem Loch in der Mitte; Gegenstände schweben oder fahren wie von Geisterhand bewegt herein; das Licht (Joachim Klein) variiert nur in der Intensität und bleibt auf den leicht ansteigenden Fußboden und die Figuren beschränkt. Statt eines Pegasus wird ein buntes Karusselpferdchen beritten, die Mondbewohner leuchten in schlumpfigen Blau mit ebenso gefönten Haartollen und tragen eine Krause, als wär's die Serviette um einen Flaschenhals. Dank etwas klobiger Schuhe wird natürlicher Gang verhindert, Vieles sieht so vor allem anfangs entzückend spielerisch und künstlich aus wie Marionetten- oder Puppentheater.

Im zweiten Teil muss Weidauer Ästhetik wie Regie anders gewichten. Das gelingt ihm nicht immer so überzeugend wie im ersten Teil. Die Farbe verliert sich, doch die Szenerie bleibt faszinierend surreal: ein riesiges Reiterstandbild, das aus dem Schnürboden herabfährt und gefährlich drohend auf halber Höhe über den Köpfen stehenbleibt, könnte vom Prager Wenzelsplatz stammen und fällt doch buchstäblich fast vom Himmel.

Last but not least ein dickes Lob für Frankfurts Ensemble, das nicht nur mit Carsten Süß (Mazal/Blakytny/Petrik), Peter Marsh (Komponist/Harfaboj/Miroslav) und Michael McCown (Maler/Dohuslav/ Vojta) die drei Tenorpartien exzellent besetzen, sondern auch auf die Qualitäten von Simon Bailey, Gregory Frank und Nathaniel Webster setzen kann. Unter dem Strich also ein berückendes Plädoyer für die szenische Aufführung eines selten gespielten Meisterwerks des satirschen Musiktheaters, das nach einem Mitschnitt der deutschen Erstaufführung 1959 (Orfeo) und zwei tschechischen Produktionen von 1962 und 1980 (Supraphon) nun in der Live-Montage konzertanter Aufführungen vom Februar 2007 aus London verfügbar ist.

Jiři Bělohlávek dirigiert das BBC Symphony Orchestra und die BBC Singers sowie ein ausnahmslos tschechisches, nicht immer ganz überzeugendes Solistenensemble. Empfehlenswert ist die Aufnahme (DGG) aber auch, weil sie die technisch beste und die erste nach der neuen kritischen Edition des Werks ist. Dennoch kann man sich (siehe  Kritik aus Frankfurt) manches noch farbiger und präziser denken.   
    
Klaus Kalchschmid

Weitere Aufführungen: 3., 8., 11., 16. Mai (jeweils 19.30 Uhr), 25. Mai (15.30 Uhr). www.oper-frankfurt.de