Das Internationale Festival Bergen strahlt von innen nach außen. Ein "Salzburg des Nordens" ist es aber nicht. Zum Glück.
(Bergen in Mai 2008) Am Morgen noch waren die Devotionalien durch eine Kordel geschützt. Polstergruppe und Blumentöpfchen, Geschirr und Fotos, Medaillen und Musiknoten sollten die Besucherströme, die täglich durch Edvard Griegs Villa in Troldhaugen bei Bergen geschleust werden, möglichst unbeschädigt überstehen. In dem idyllisch über einem See gelegenen Holzhäuschen befindet sich auch der alte Steinway des Komponisten. Und mit ihm lässt sich die Verehrung des in Bergen geborenen "Nationalkomponisten" natürlich am besten umsetzen.
Zum Beispiel mit einem stimmungsvollen Nachtkonzert. Tischchen und Väschen waren fast achtlos zur Seite gerückt, der Salon mit fünfzig Leuten gefüllt, die - man kann es nicht anders sagen - andachtsvoll den norwegischen Volksliedern lauschten, die ein Mädchen auf der Hardangerfiedel spielte. Und die seine Schwester danach auf dem Steinway in der Grieg'schen Adaption wiederholte. Derart norwegische Gemütlichkeit und wohl auch ein gutes Maß nationaler Gefühlswellness zu betreiben - das ist eine Seite des Bergen-Festivals.
Die andere, der internationale Aspekt, den das zwei Mai-Wochen dauernde "Bergen International Festival" ja auch im Titel ankündigt, machte sich am deutlichsten am Abend zuvor bemerkbar: In der städtischen Grieg-Halle mit der Oper "L'Amour de loin" der finnischen Komponistin Kaija Saariaho. Dies in einer Neuinszenierung des Duos Michael Elmgreen und Ingar Dragset, beachtenswert besetzt und mit einem brillant spielenden Bergener Philharmonischen Orchester unter dem Schweizer Dirigenten Baldur Brönnimann. Saariahos Oper, die im Jahr 2000 bei den Salzburger Festspielen von Kent Nagano und Peter Sellars sehr erfolgreich aus der Taufe gehoben und in Paris, Helsinki, Bern oder Beirut nachgespielt wurde, gehört mittlerweile schon zum Repertoire. Und ist mit ihrer Schönheit, dem orchestralen Glitzern und einem sehr sängerischen Stimmteil ein Erfolgsgarant. Das Libretto von Amin Maalouf erzählt die romantische Geschichte eines Troubadours, der sich zu seiner fernen Geliebten in den Orient aufmacht, während der Überfahrt erkrankt und schließlich in ihren Armen stirbt. Elmgreen und Dragset hieven den Stoff in die Gegenwart mit Chatroom und online verschickten Bodypics.
Jaufré und Clémence, wie das unglückliche Paar heißt, treffen sich im Internet, wagen nach langem Hin und Her den Schritt in die Realität - und sind in Bergen 2008 zwei computeranimierte Filmfiguren. Jung, volllippig oder bodygebuildet treten sie als idealisierte Typen der weltweiten Online-Community auf. Einer Generation also, die mit Oper normalerweise eher wenig anfangen kann. Die in reduzierter Ästhetik daherkommenden eleganten Bilder und die auf den Text passende Story des Zweistunden-Videoclips nehmen das Jungsein ernst. Somit zerstreuen sie den Verdacht, sich bei den
Jungen anbiedern zu wollen. Dennoch: In einen mehrdimensionalen Deutungsraum vermögen sie nicht vorzustoßen und zu den drei Sängern stellten die Bilder doch einen eigenartigen Kontrast her: Pia Freund gab der Clémence viel menschliche Wärme, die Klage ihres Unglücks am Ende der Oper war herzzerreißend. Freund schaffte es, die Dominanz des Bildes zu brechen und ihm einen starken akustischen Part entgegenzuhalten. Stimme kontra Bild - ist das sinnvoll?
Von diesem Gegensatz aufgezehrt wurde Jaakko Kortekangas: Vor der Gertenschlankheit der gezeichneten Figur wurde der baritonal rundliche Durchschnittsverführer stets blasser. Am besten zwischen Bild und Gesang vermitteln konnte Helene Gjerris in der Rolle des Pilgers: eine kühle, androgyn-schöne Stimme. Auch der differenziert gefärbte Klangstrom des Bergener Orchesters verband sich mit den fließenden Bildern überzeugend zur ästhetischen Einheit. Brönnimann baute einige dynamische Stromschnellen ein, die in dem verführerisch schönen Musikfluss sinnvolle Halte- und Aufhorchmomente ergaben.
Nordiske Impulser
Die Elmgreen&Dragset-Produktion hätte es bei einem Festival wie Salzburg schwer gehabt. Solche Experimente lassen sich in der Abgeschiedenheit ehemaliger Fischerdörfer und unter der beruhigenden Nordsonne besser machen als im Brennglas Salzburg mit seinem anspruchsvollen Publikum. Und doch begrüßt der Festspieldirektor Per Boye Hansen sein Publikum im Programm mit einem Zitat der "Berliner Zeitung", die Bergen letztes Jahr als "Salzburg Skandinaviens" bezeichnete. Euphorisch war das und nicht ganz zutreffend. Wenn man nachfragt, auch für Hansen nicht.
Seit 2005 leitet er die Festspiele und gab ihnen den Titel "Nordiske Impulser", Impulse von und nach Norden. Bergen mit seinem Etat von sechs Millionen Euro soll gemäß Hansen ein "Zentrum nordischer Kultur" werden mit einem Einzugsgebiet von Is- bis Estland und mit einem Publikum, das von dort, aber auch aus dem "südlichen" Europa anreist. Auf der anderen Spagatseite ist man auch ein lokales Festival. Das merkte man in der Grieg-Villa oder bei einem konzertanten ersten "Walküre"- Akt, wo der Bergener Orchesterchef Andrew Litton erst mal hübsch die Leitmotive vorstellte. Solche Einführungen, so vernahm man, gehören hier zur Tradition. Damit aber könnte ein Publikum, das 2000 Flugmeilen geflogen ist, seine Mühe haben. Dass das Orchester danach dennoch einen beachtlichen Wagner hinlegte, mit brillanten Streichern und einem Sängerteam mit internationalem Format (Stephen Gould, Päivi Nisula, Ain Anger) zeigte das "Spagat"-Problem deutlich.
Versuche, sich international zu positionieren gab es schon vor Hansen. Sie führten zu einer Verwässerung oder mündeten in der Beliebigkeit publikumswirksamer Tourneeproduktionen bis hinunter zum Zirkus-Spektakel. Dazwischen gab es auch immer wieder traditionellere Jahrgänge. Und jetzt soll die Synthese Wünsche befriedigen, nach außen hin zu erstrahlen ohne die norwegische Hüttengemütlichkeit aufgeben zu müssen. Formell jedenfalls hebt sich das Festival durch seine Vielfalt der Formen von der skandinavischen Konkurrenz ab. Kammer- und sinfonische Musik, Theater und Musiktheater, Tanz und bildende Kunst - das gibt's weder in Savonlinna oder Drottningholm (Oper) noch in Kuhmo oder Risør (Kammermusik). Eine strenge Klammer indes braucht es schon, um das alles zu umgreifen. Spürbar war sie nicht immer.
Wirklich zu sich gefunden hat das Festival ganz im Innern: In der Freiheit, die es jungen nordischen Musikern zugestand, mit originellen Programmen aufzutreten. Überzeugend die Alt-Neu-Kombination der schwedischen Sopranistin Elisabeth Holmertz. Auf einem Gebiet zwischen Musiktheater und popmusikalischer Identifikation vereinte sie bruchlos Werke von Carola Bauckholt und Oliver Knussen, von Barbara Strozzi oder Tarquinio Merula. Ebenfalls spannend die Beschäftigung des norwegischen Geigers Henning Kraggerud mit Ole Bull, dem "Paganini des Nordens": Hochvirtuos gespielte Rekonstruktionen verschiedener Bull-Kompositionen und ein aus seiner Guarneri hervorgeholter Klang, der so verführerisch war wie der legendäre Frauenheld Bull es in vita gewesen sein muss.
Unverkopftes Spiel, ein hoch entwickeltes handwerkliches Können und Musik, die auch mal Spaß machen darf - mit solchen Qualitäten wartet man in Bergen auf. Das gibt dem Festival seinen sympathisch persönlichen Touch und ein Profil, das tatsächlich die direkte Ansprache breiter Schichten mit Musik auf hohem Niveau verbindet - frisch wie eine salzige Nordseebrise.
Benjamin Herzog