Das Theater findet im Kopf statt

Nikolai Schukoff als Dionysos Foto: W. Hösl

Hans Werner Henzes Oper "Die Bassariden" nach Euripides' "Die Bakchen" hatte im Münchner Nationaltheater Premiere. Musiziert wird ausgezeichnet, aber die Szenerie enttäuscht.

(München, 20. Mai 2008) Häufig bekommt man sie ja nicht zu sehen, Hans Werner Henzes Oper "Die Bassariden". Auch weitgereiste Opernkenner freuten sich daher auf die Premiere im Münchner Nationaltheater am Montag. Zumal hier auch mit Christoph Loy ein Regisseur für das Szenische gesorgt hatte, der allgemein für seine hellsichtigen Inszenierungen bekannt ist und sich in München schon mit "Roberto Devereux" und "Saul" als ein Schöpfer sehr aussagestarker Personenführung empfohlen hatte.

Gemessen an der Vorfreude blieb der Beifall am Ende aber dann eher verhalten. Man applaudierte den durchweg ausgezeichneten Sängern, man gab dem in der Proszeniumsloge anwesenden Komponisten eine standing ovation. Aber Loy und dem leading team (Bühne und Kostüme: Johannes Leiacker, Licht: Olaf Winter) gegenüber wagte man sogar einige Buhs. Denn zu hören hatte es "Die Bassariden" wohl gegeben. Aber zu sehen? Das Bühnenbild war im Wesentlichen der Bühnenraum selbst, Notausgang-Hinweis inklusive. Lediglich ein riesiger weißer Vorhang markiert eine Mitte. Darin stellt Loy die Personen auf und tut so, als gäbe es keinen Regisseur. Bis zum dritten der vier "Sätze" der Oper ereignet sich szenisch so gut wie nichts. Genau so gut könnte man das Werk auch konzertant geben. Das mag ein radikaler, das Stück mehr oder weniger sich selbst überlassender Ansatz sein. Aber geht man wirklich in die Oper, um sich dort sein Theater im Kopf selbst zurecht zu zimmern?

Starke visuelle Hilfe wäre angesichts der hochkomplexen, sich ins philosophische wendenden Handlung dringend nötig. Es geht um Vernunft gegen Triebhaftigkeit. König Pentheus von Theben stemmt sich gegen den hereindringenden Dionysos-Kult. Anders als sein toleranter Großvater Kadmos, der alle Religionen gelten ließ, will der vernunftorientierte Pentheus die sinnesfreudige Verehrung des Dionysos nicht zulassen. Aber das Volk von Theben, Pentheus Mutter und Tante inklusive, zieht auf den Berg Kytheron, um sich dort in den Bann der neuen Religion ziehen zu lassen. Dort herrschen die Bassariden, die Anhänger des Dionysos. Trotz der Drohung, alle, die sich dem neuen Kult verschreiben, töten zu lassen, kann Pentheus den Lauf der Dinge nicht aufhalten. Als er selbst den Kytheron besteigt, wird er ergriffen und von seiner Mutter Agaue in Trance enthauptet. Dionysos hat über die Vernunft gesiegt. "Wir sehen nicht, wir hören nicht, wir knie'n und beten an", lauten die letzten Zeilen des Librettos von Wystan Hugh Auden und Chester Simon Kallman, die vom Chor der Bassariden gesungen werden.

Immerhin, ab dem komischen Intermezzo im dritten Satz beginnt die Starre sich zu lösen, bekommen die Figuren auch aus der Bewegung heraus Gestalt. Der vierte Satz gerät packend. Als Agaue ihren Sohn Pentheus erschlägt, besinnt sich Loy endlich auf die Kunst der Regie, die Kunst, aus Gesten Gefühle frei zu setzen. Jetzt schließt auch der Tenor Nikolai Schukoff als Dionysos zur vollen Größe seiner Rolle auf und entfaltet Schmelz und Melos, Energie und Härte in seiner Stimme. Als hätten alle nur darauf gewartet.

Über die ersten drei halben Stunden der ohne Pause zweieinhalbstündigen Aufführungen retten die ausgezeichneten Leistungen aller Sängerinnen und Sänger, des Chores und des Orchesters unter der Leitung von Marc Albrecht. Das Orchester machte erlebbar, was für eine Ungeheuerlichkeit Henzes Komponieren 1966, dem Jahr der Uraufführung der "Bassariden", bedeutete. Voller, erdenschwerer Orchesterklang, virtuose Beherrschung des "Apparats", Mut zu Melodik und Tonalität, Wucht und Überwältigung. Dennoch: eine Pause hätte sehr gut getan, um den Geist neu zu justieren, um sich der Klanggewalt mit frischen Kräften wieder aussetzen zu können. Auch aus dieser Sicht ist dieser Opernabend zu puristisch.

Der junge Österreicher Nikolai Schukoff als Dionysos, Michael Volle als Pentheus, Sami Luttinen als dessen Großvater Kadmos, Reiner Goldberg als Seher Teiresias, Christian Rieger als Hauptmann, Gabriele Schnaut als Pentheus' Mutter Agaue, Eir Inderhaug als ihre Schwester Autonoe und Hanna Schwarz als Sklavin Beroe - sie alle gewährten Gesangserlebnisse der Extraklasse, hörbar beseelt vom Willen, das ganze Ausdruckspotenzial der Partitur im Beisein des Komponisten zu entfalten. Die musikalische Einstudierung: beherzt, leidenschaftlich, ohne Scheu vor Monumentalität, wunderbar plastisch.

Was Christoph Loy hingegen mit seiner Sicht auf die "Bassariden" aussagen wollte, bedarf harter Denkarbeit. Intuitiv hat es sich nicht erschlossen. Nicht einmal das wohlfeile Argument, in all den reglosen Durchschnittsgestalten in grauen Kostümen sollten wir, bitteschön, uns wieder einmal selbst erkennen, wollte sich aufdrängen. In seiner Verknappung der Mittel ist Loy hier deutlich über das Ziel hinausgeschossen.

Laszlo Molnar

Weitere Aufführungen
Do 22.05.2008, 18.00 Uhr
So 25.05.2008, 19.00 Uhr
Mi 28.05.2008, 19.00 Uhr
Sa 31.05.2008, 19.00 Uhr
Di 03.06.2008, 19.00 Uhr
www.bayerische.staatsoper.de