Jean Baptiste Lullys Oper "Armide" in der Regie von Robert Carsen am Theatre des Champs Elysées in Paris.
(Paris, im Oktober 2008) Das Sujet war im späten 17. und 18. Jahrhundert sehr bekannt und bei Komponisten sehr beliebt. Die Zauberin Armide siegte über Feinde, konnte aber nicht den Ritter Renaud bezwingen. Also verzaubert sie ihn, zeigt sich aber bei der ersten Begegnung mit dem gutaussehenden Mann so hingerissen, dass sie sich prompt in ihn verguckt. Aus Hingabe zu dem Angebeteten erlöst sie ihn von ihrem Zauber, wundert sich dann aber, dass Renaud ihre Liebe nicht erwidert, sondern sich von ihr abwendet.
In Lully's letzter Oper "Armide" von 1686 verflucht die Zauberin ihr Schicksal und sinnt auf Rache. Sie fordert die Dämonen auf, ihren Palast zu zerstören, und jagt mit ihrem Wagen davon. So jedenfalls ist es im Libretto von Philippe Quinault nachzulesen.
In der Pariser Neuinszenierung der "Armide" von Lully sieht das Ende der "tragédie lyrique" anders aus. Viel dramatischer. Nachdem die Zauberin von ihrem vermeintlich Geliebten verlassen wird, nimmt sie einen Dolch und wählt den Freitod.
Wie schon in seiner für Aufsehen sorgenden Inszenierung von Händels "Alcina" vor einigen Jahren an der Pariser Nationaloper, schrieb der kanadische Regisseur Robert Carson das Ende der Oper um. Mit Hilfe seiner Regiekunst. Dass es sich um Kunst handelt, beweist der immense Erfolg der Lully-Oper am Théatre des Champs-Elysées.
Carson gelingt es, eine Oper des späten 17. Jahrhunderts mit einer für die damalige Zeit und den Hof des Sonnenkönigs Ludwig XIV. mythologischen Handlung ins Heute zu verlegen. Mit einem faszinierenden Trick. Während der Ouvertüre und des Prologs bekommen die Zuschauer ein Video zu sehen, auf dem Paul Agnew, der meisterhaft die Rolle des Renaud interpretiert, zusammen mit einer Touristengruppe die königlichen Apartments im Schloss von Versailles besichtigt. Er trennt sich von der Gruppe und legt sich auf das Bett des Königs. Dabei fällt er in einen tiefen Schlaf und beginnt zu träumen. Mit dem Traum beginnt auch die eigentliche Handlung der Oper. Die Filmleinwand verschwindet und Carson zaubert einen ganz in kühles Silber gehaltenen Raum in vager Andeutung an das französische Barock auf die Bühne. Bis auf die rote Kleidung Armides sind alle Höflinge der Zauberin ebenfalls in silberfarbene Gewänder gekleidet. Armide ist rot gewandet, weil sie sich Carson zufolge nach wahrer Liebe sehnt.
Carson gelingt es auf überraschende und überzeugende Weise, das barocke Thema der Zauberin und des gefühlsstarken Helden modern zu interpretieren. Seine Armide, gesungen von Stéphane d'Oustrac, eine dunkle, volle Sopranstimme mit dem für französische Barockopern unerlässlich dramatischen Klang, wird in dieser Inszenierung als eine Frau dargestellt, der es bis zur Begegnung mit Renaud nicht gelungen war, ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen. Als sie sich schließlich Hals über Kopf verliebt, wird sie dafür von ihrem eigenen Hofstaat heftig kritisiert. Die Szene, in dem der Chor als Hofstaat seine Kritik zum Ausdruck bringt, wird von Carson als Vergewaltigung inszeniert:
Die eigenen Hofschranzen vergehen sich an ihrer Königin, die durch den Umstand, Gefühle zu zeigen, ihren quasi-göttlichen Nimbus einbüßt.
William Christie und sein Ensemble "Les Arts Florissants" bieten eine ungemein lebendige musikalische Interpretation. Grosses Lob verdienen die Sängerbesetzung und der Chor, der auch tanzen muss und in bestimmten Szenen nur schwer vom Ballettcorps zu unterscheiden ist. Die für eine "tragèdie lyrique" typischen Balletteinlagen, Höhepunkte aller Lully-Opern, werden von Choreograph Jean-Claude Gallotta als modern-dance-Einlagen inszeniert, die sehr an die Schule von Pina Bausch erinnern. Eine wirklich gelungene Inszenierung!
Thomas Migge