Theater auf, vor und hinter der Bühne

Adrianne Pieczonka (Ariadne/Primadonna), Burkhard Fritz (Bacchus/Tenor) Foto: Bay. Staatsoper/W. Hösl

"Ariadne auf Naxos" als wunderbar vielschichtiges Sänger-Theater bei den Münchner Opern-Festspielen im Prinzregententheater

(München, 24. Juli 2008). Seit der Erstaufführung 1918 im Cuvilliés-Theater hat München zahlreiche Neuinszenierungen der "Ariadne auf Naxos" von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss erlebt. Aber wohl keine - wie jetzt bei der szenisch und sängerisch grandiosen Premiere im Prinzregententheater - durch die man einerseits so viel lachen konnte über die Eitelkeiten im Theaterbetrieb und andererseits immer wieder derart tief berührt war vom Schicksal der Protagonisten: Des "Komponisten" in der Oper, dessen Werk verstümmelt zu werden droht, und von Ariadne, die statt eines Todesboten auf den jungen Bacchus trifft, der sie zu erneutem Leben verführt.

In seiner Inszenierung wandelt Regisseur Robert Carsen mit stupender musikalisch-szenischer Fantasie virtuos auf dem schmalen Grad zwischen Klamauk, Komödie und Tragödie. Denn er lässt ebenso nüchtern wie heiter verspielt mit einer Ballett-Probe zwischen Spiegeln beginnen, noch während das Publikum die Plätze sucht. In der "Oper" dagegen lässt er in einem Metall-Kasten streng stilisiert in Schwarz-Weiß-Blau oder auch bewusst übertrieben agieren. "Vorspiel" und "Oper" werden pausenlos hintereinander gespielt und Carsen betont stets das "Theater auf am Theater", auf das auch ein Bewegungschor aus Tänzern und ein in unterschiedlicher Intensität und Farbe mitspielendes Saallicht hinwiesen. Daneben erfand er schon im "Vorspiel" magische Momente, etwa zwischen dem "Komponisten" (mit herrlich flammender Intensität fulminant gesungen von Daniela Sindram) und Zerbinetta. Diana Damrau in dieser Rolle war brillant singend ganz in ihrem Element, ob barfuß oder auf roten High Heels, mit echten langen blonden Haaren oder in brauner Perücke, liegend ihre Spitzentöne singend zwischen einer Riege halbnackter attraktiver Männer, die sie mit gurrenden Koloraturen zum Mitspielen lockte, oder auf einem Klavier thronend.


Die Gesten und Bewegungen der Protagonisten vervielfacht Carsen immer wieder durch Statisten, die gleichsam die Schatten der Figuren darstellen: Anfangs mischen sich die Kollegen Zerbinettas in Frauenkleidern unter die Begleiterinnen Ariadnes, bevor sie später durch tanzende Paare verwirrt werden, bei denen sich Zerbinetta ein Dutzend Mal spiegelt. Und auch im Schlussduett können sich Ariadne und Bacchus erst ganz am Ende aus ihrem jeweiligen Kollektiv lösen und zu Individuen werden.

Sogar die kleineren und mittleren Partien sind in dieser Produktion mit Martin Gantner (Musikmeister), Nikolay Borchev (Harlekin), Ulrich Reß (Scaramuccio), Steven Humes (Truffaldin) und Kevin Conners (Brighella), Aga Mikolaj (Najade), Anaik Morel (Dryade), Sine Bundgaard (Echo), Adrian Sampetran (Perückenmacher), Christian Rieger (ein Lakai) und Guy de Mey (Tanzmeister) bestens besetzt.

Die musikalische Leitung hat Münchens GMD Kent Nagano, der vor zehn Jahren eine schöne Einspielung der Erstfassung der "Ariadne" auf CD dirigiert hatte. Nun betonte zwar das Theater auf dem Theater, indem er das Harmonium in den Vordergrund rückte, ansonsten aber blieben Detailreichtum und Glanz der ebenso kammermusikalisch differenzierten wie am Ende orchestral aufrauschenden Partitur manchmal etwas unterbelichtet.

Doch die Inszenierung ließ auch das vergessen. Denn am Ende verschwindet die weiß leuchtende Wand, vor der Ariadne (Adrianne Pieczonka) mit kühl leuchtendem Sopranglanz und Bacchus (Burkhard Fritz mit Schmelz und heldischem Ton) sich endlich finden, als Segel eines Schiffes in der Hinterbühne, während der "Komponist", der "seiner" Oper im Zuschauerraum beiwohnte, auf die leere, blaue Bühne eilt und bei aufflammendem Saal- und Arbeitslicht von den Beteiligten auf der Bühne mit begeistertem Applaus bedacht wird. Wie anschließend auch vom Publikum, das am Ende alle gebührend feiert, einschließlich Regisseur, Bühnenbildner (Peter Pabst) und Kostümbildner (Falk Bauer). 

Klaus Kalchschmidt

Weitere Aufführungen am 27. und 30. Juli. www.muenchner-opern-festspiele.de