Auf dem Sprung

Die Preisträger des ARD-Wettbewerbs 2008 Foto: Sigi Müller

Beim Abschlußkonzert des ARD-Musikwettbewerbs 2008 im Münchner Herkulessaal präsentierten sich jede Menge Stars

(München, 19. September 2008) Glanzvoll ging er zu Ende, der 57. Musikwettbewerb der ARD - mit einem Abschlusskonzert vom Feinsten, das die ersten drei Preisträger im Fach Klarinette, Fagott, Streichquartett und dazu den zweiten Preisträger (ein erster wurde nicht vergeben) bei den Bratschen vorstellte. Dominiert wurde das Programm mit einer Ausnahme von Werken des 20. und 21. Jahrhunderts. Aber das war gerade das Aufregende: Bartók, Jolivet, Schdschedrin und das große Bratschen-Konzert von Alfred Schnittke verlangten volle Konzentration und Einfühlungsvermögen von Seiten der Musiker und der Zuhörer, die dafür reich belohnt wurden!

Das vom Bayerischen Fernsehen aufgezeichnete Konzert (Sendung am 3. Oktober, 11 Uhr und auf BR alpha am 19. Oktober, 21.15 Uhr) begann mit einer Schweigeminute für Mauricio Kagel, der auch für den ARD-Wettbewerb zwei Auftragswerke komponiert hatte. Der langsame Satz von Wolfgang Amadeus Mozarts Klarinettenkonzert, den Sebastian Manz danach so überirdisch schön, zart und oft berückend leise auf seiner Bassett-Klarinette spielte, mochte mancher Zuhörer als Trauermusik für den großen Komponisten erleben. Denn soviel Ernst und Tiefe neben enormer Leichtigkeit der Tongebung lässt bereits eine große Reife spüren, die für einen 22Jährigen schon eine kleine Sensation darstellt.

Das folgende Konzert für Fagott, Streichorchester und Klavier von André Jolivet aus dem Jahr 1954 nahm nicht minder gefangen. Denn Marc Trénel, der den erstmalig in der Geschichte des Wettberwerbs vergebenen ersten Preis im Fach Fagott erhielt, spielte das spannende, als Rezitativ beginnende, in sanfte Jazz-Anklänge und ein schönes "Largo cantabile" mündende und schließlich als eloquentes Fugato endende Stück mit makellos flüssiger Tongebung und exquisitem Ausdruck.

Eine solche Sorgfalt ließen auch die vier Streicher von Apollon Musagète der Uraufführung von Rodion Shchedrins "Lyrischen Szenen" und Béla Bartóks drittem Streichquartett angedeihen. Shchedrins Stück mit all seinen Wechseln zwischen Lyrik und Dramatik, solistischen Passagen und dichtem Gewebe vermochten die vier Polen in jedem Takt wunderbar zu beleben, dabei immer ganz nah an den dynamischen und artikulatorischen Vorgaben der Musik. Auch Bartóks komplexes und kühn die Grenzen der Tonalität ausreizendes Quartett von 1927 musizierten sie exzellent und stets auf Messers Schneide, vielleicht noch eine Spur zu wenig auf den großen Bogen der drei ineinander übergehenden Sätze bedacht.

Das kurz vor seinem ersten Schlaganfall 1985 vollendete halbstündige Konzert für Viola und Orchester von Alfred Schnittke spielte abschließend Wen Xiao Zheng imponierend, wenn auch nicht ganz so souverän wie etwa Antoine Tamestit, der 1. Preisträger des ARD-Wettbewerbs 2004 auf einer soeben für das Label ambroisie erschienenen CD oder - wenn auch ganz anders, wilder und kämpferischer - Kim Kashkashian 1992 für ECM. Der 27-jährige Chinese fasste das Konzert jedoch wie sie und vom Komponisten durchaus vorgesehen als wilden Wechsel auf von Attacke und verfremdetem Walzer, schmerzvollstem sich-Aufbäumen und süßem Trost in geradezu schmachtvoll komponierten tonalen Passagen, die Zheng mit innigstem Ausdruck spielte.
Dass er in den schnellen, rapiden, lauten Passagen dabei manchmal mit dem Bogen zu viel Druck ausübte, auch oft allzu rauhe, ja brachiale Klänge risikierte, machte jedoch seine Interpretation nicht weniger beeindruckend. Der 28-jährige GMD der Stadt Heidelberg, Cornelius Meister erwies sich mit den BR-Symphonikern auch hier als sensibler Begleiter, der das Orchester immer so sicher steuerte, dass der Bratschenpart kaum je zugedeckt wurde - wie noch während der Finalrunde unter einem anderen Dirigenten am gleichen Ort. Für einen jungen Bratscher, der das erste Mal in seinem Lebem mit großem Orchester spielt, war das so oder so eine überwältigende Erfahrung, nicht minder für das Publikum im bis auf den letzten Stehplatz ausverkauften Herkulessaal.

Klaus Kalchschmid

Jodeln mit der Klarinette

Das zweite Preisträger-Konzert des ARD-Wettbewerbs 2008

(München, 18. September 2007) Auch im Fach Fagott war das Niveau des diesjährigen 57. Musikwettbewerbs der ARD sehr hoch. Vier Preisträger gab es deshalb - wie auch bei den Streichquartetten. Philipp Tutzer konnte sich im zweiten Preisträgerkonzert, das wieder im Prinzregententheater stattfand, mit der wunderbaren kleinen Sonate für Fagott und Klavier von Charles Koechlin präsentieren; der ebenfalls zweitplazierte Christian Kuhnert mit dem Mozart-Konzert: Was für ein kleines Juwel ist doch diese Sonate aus dem Jahr des 1867 geborenen Franzosen aus dem Jahr 1919, vor allem wenn sie so differenziert musiziert wird wie von dem 25-jährigen Südtiroler Tutzer, der seit 2007 im Salzburger Mozarteum-Orchester spielt - ausdrucksvoll, fein ziseliert, weich, geradezu betörend schön im langsamen "Nocturne".

Dagegen zeigte sich Christian Kunert mit dem Fagott-Konzert des 17-jährigen Mozart nicht ganz von seiner besten Seite, war zwar technisch solide, aber in den Kadenzen allzu brav und leblos, auch im Final-Rondo etwas ohne Esprit und Verve. Die ließ auch Teng Li im großen Bratschen-Konzert des Mozart-Zeitgenossen Franz Anton Hoffmeister ein wenig vermissen, während ihr eine wunderbar expressives Adagio gelang, vom Münchener Kammerorchester (Konzertmeister: Daniel Giglberger) in den Ecksätzen temperamentvoll und stets musikalisch erfüllt begleitet.

Es wird wohl immer ein Rätsel bleiben, warum - trotz manch guter Leistung in den ersten beiden Runden - das Afiara String Quartet noch vor dem Verus String Quartet (Japan) und dem Gémeaux Quartett (Deutschland/Schweiz) plaziert wurde, die beide auch im ersten Preisträger-Konzert wieder sehr überzeugend waren. Beethovens B-Dur-Quartett aus seinem opus 18 hatte das kanadische Quartett, das nach dem spanischen "fiar" (zu deutsch: Vertrauen) benannt ist, schon in der ersten Runde gespielt. Doch der vor zwei Wochen in der Musikhochschule durchaus beeindruckende, schlanke, geschmeidige Klang erwies sich diesmal als allzu spitz und körperlos, ja im "Adagio affetuoso ed appassionato" alles andere als leidenschaftlich, sondern geradezu neutral. Wie ein Uhrwerk schnurrte das Finale ab, teilweise auch noch unsauber gespielt.

Welch anderen Eindruck hinterließ da der 24-jährige Japaner Taira Kaneko, der einen dritten Preis im Fach Klarinette erhielt. Er überzeugte auch beim Preisträgerkonzert mit dem Klarinettenquintett op. 34 von Carl Maria von Weber, hier in der Fassung für Streichorchester von Eduard Brunner. Ihm gelang in den beiden schnellen Ecksätzen ein wunderbar witziges, eloquentes Spiel, das am Ende im Allego giocoso gar die Züge eines ausgelassenen Jodelns annahm. Nicht minder überzeugend der große Atem im mittleren, "Fantasia" überschriebenen Satz. Zarteste Pianissimi und eine großartige musikalische Tiefe waren da zu hören.

Klaus Kalchschmid

Phantastische Dritte

Gemaux Quartett Foto: BR / Sigi Müller

Kammerkonzert der Preisträger des ARD-Wettbewerbs 2008 im Münchner Prinzregententheater

(München, 17. September 2008) Die vier jungen Japaner des Verus String Quartett, das sich erst vor anderthalb Jahren gründete, spielten zu Beginn des ersten Preisträgerkonzerts beim diesjährigen ARD-Musikwettbewerb das c-moll-Quartett aus Beethovens opus 18. Damit überzeugten sie wieder wie schon während der 1. Runde mit einem ebenso homogenen wie plastischen Ensemble-Klang, den sie ihren wunderbar dunkel klingenden Instrumenten entlockten. Lebendige Artikulation, Sinn für Phrasierung und den Charakter des Stücks, das keinen langsamen Satz, sondern sowohl ein Menuett wie ein Scherzo enthält, prägten das Musizieren, das stilistisch so ganz anders ist als das des Gémeaux Quartetts. Es ist benannt nach dem Sternbild Zwilling und seinen vier Hauptsternen und errang wie das Verus String Quartet einen dritten Preis. Die Intensität, Spannkraft und Präzision im Detail, mit der die beiden Damen und zwei Herren am Ende des Konzerts Felix Mendelssohns a-moll-Quartett op. 13 spielten, wurde dieser leidenschaftlichen Auseinandersetzung Mendelssohns mit den späten Quartetten Beethovens, insbesondere op. 132 - komponiert mit 18 Jahren(!) in Beethovens Todesjahr 1827 - in vielfacher Hinsicht gerecht. Nicht zuletzt das variiert wiederkehrende Liedzitat mit der Frage "Ist es wahr?" (op. 9/1) erinnerte nicht nur an das Beethovensche "Muß es sein?" aus op. 135, sondern wurde vor allem am Ende von der ersten Geigerin mit großartig "sprechendem" Charakter gespielt.

Zwischen diesen beiden Eckpfeilern präsentierte Dimitri Murrath, ausgezeichnet für die beste Interpretation des Auftragswerks "Tikvah" für Bratsche solo, ebendieses Werk. Der Fagottist Václav Vonásek die Sonate G-Dur op. 168 des 85-jährigen Camille Saint-Saëns und die drittplazierte Shelly Ezra aus Israel die erste der späten Klarinetten-Sonaten von Johannes Brahms.

"Tikvah" hat Atar Arad - auch Juror der diesjährigen Streichquartett-Jury - 2006 in Erinnerung an das Olympia-Attentats von 1972 komponiert und es "allen unschuldigen Opfern sinnloser Gewalt, ungeachtet ihrer Herkunft oder ihres Glaubens" gewidmet. Darüber hinaus ist es Ausdruck der Hoffnung auf eine bessere Welt, "in der Konflikte in Frieden, Würde und Respekt vor dem menschlichen Leben gelöst werden."
Das 10-minütige Stück ist zugleich eine Trauermusik, die mit zarten Anklängen an das Finale von Alban Bergs Violinkonzert und seinem Zitat von Bachs "Es ist genug"-Choral endet ("meditativo e con malinconia" zu spielen!), besitzt aber auch gemäß dem Titel, der auf hebräisch ?Hoffnung" bedeutet, einen positiven Grundduktus, paraphasiert Bachs Solo-Suite für Streicher ebenso wie es sehr spielerisch jüdische Musik aufscheinen läßt. Der Belgier musizierte ausdrucksvoll, den Gehalt des Stücks sehr schön "erzählend", technisch aber diesmal nicht ganz auf der Höhe des anspruchsvollen Stücks.

Václav Vonásek, bereits Mitglied der Tschechischen Philharmonie Prag und Musikwissenschaftler, der seine Doktorarbeit über das Thema "Unbegleitete Solo-Literatur des 20. Jahrhunderts für Fagott" schreibt, widmete sich der Sonate für Klavier und Fagott von Saint-Saëns, die man nur als Perle des Repertoires bezeichnen kann, auch weil die Literatur ansonsten überschaubar ist. Vonásek machte das Beste aus dem vier Sätze lang mehr oder minder dahinplätschernden Stück, während Shelly Ezra aus Israel der wunderbaren f-moll-Sonate für Klarinette und Klavier von Johannes Brahms zusammen mit Isabella Melkonyan am Flügel ein Höchstmaß an sanfter Expressiviät, Schönheit und Weichheit des Klangs widmete, und damit genau der Charakterisierung als "Fräulein Klarinette" entsprach, mit der Brahms kurioserweise den Widmungsträger und Interpreten der Uraufführung Richard Mühlfeld wegen seines betörend schönen Spiels bedachte!

Klaus Kalchschmid

Olympiade der klassischen Musik

Klaus Kalchschmid berichtet vom ARD-Wettbewerb. Bild: KlassikInfo

Am Montag, dem 1. September, begann der weltweit renommierte Internationale Musikwettbewerb der ARD in München zum 57. Mal. Dieses Jahr wird er in den Fächern Bratsche, Klarinette, Streichquartett und Fagott ausgetragen. KlassikInfo begleitet ihn wie im letzten Jahr in einem regelmäßig erscheinenden Tagebuch.

Aktuell: Finale Streichquartett

(13. September, München) Beim Finale Streichquartett im Prinzregententheater gingen Jury- und Publikumsmeinung erstaunlich weit auseinander. Denn die Juroren bezogen bei ihrer abschließenden Bewertung alle drei vorangehenden Durchgänge in ihr Urteil ein. In ihnen hatten die vier Final-Quartette unterschiedlichstes Repertoire von Haydn über Mozart und Brahms bis zur klassischen Moderne und der Uraufführung des zeitgenössischen Pflichtstücks zu bewältigen (wir berichteten).

So reichte es für das Gémeaux Quartett (Deutschland/Schweiz) trotz eines sehr souveränen vierten Bartók-Quartetts und Franz Schuberts "Der Tod und das Mädchen", das sie im Kopfsatz und in den fantastischen Lied-Variationen unglaublich reif, schmerzvoll schneidend und tief berührend dargeboten hatten, nur zu einem dritten Preis. Auch dem Verus String Quartet wurde ein solcher verliehen. Beide Ensembles erhielten ihn ungewöhnlicherweise nicht geteilt, sondern jeweils in der vollen Höhe von 12.000 Euro, um die Wertschätzung der Jury auch für die letzt Platzierten zu betonen, ein bemerkenswerter, bisher einzigartiger Vorgang beim ARD-Wettbewerb. Die vier Japaner konnten sowohl mit dem beeindruckend gestalteten dritten Bartók-Quartett wie mit einem wunderbar plastischen op. 59/2 von Beethoven für sich einnehmen. Alles passte hier: Zusammenklang und Homogenität, Artikulation, Intonation, Phrasierung, lebendiges, durchsichtiges Musizieren, und das alles kulminierend in einem mutig vorangetriebenem Finale.

Das zweitplazierte Afiara String Quartet bot dagegen beim selben Werk matten Ton, kaum Klangsinn oder gar erfülltes Ensemble-Spiel und wurde zunehmend auch technisch unsicher. Besser präsentierten sie sich beim dritten Bartók-Quartett. Die Jury wusste jedoch die großteils ausgezeichnete Leistung der Kanadier aus den ersten beiden Durchgängen zu würdigen. Da war etwa eine wunderbar vielschichtige "Lyrische Suite" von Alban Berg zu hören, Beethovens erstes Quartett wurde schlank, spannend und geschmeidig gemeistert. Grimmiger, tiefgründiger Mendelssohn und Schostakowitsch überzeugten ebenso. Ab dem Halbfinale fiel das Quartett jedoch zunehmend gegenüber seinen Mitstreitern ab.

Auch im Falle von Apollon Musagete aus Polen, die stets zu den Favoriten zählten und den ersten Preis gewannen, floss die Beurteilung der übrigen Durchgänge stark in die Wertung ein. Denn so sehr vieles in Beethovens spätem op. 132 phänomenal gut gelang - etwa der Beginn des "Dankgesangs eines Genesenden an die Gottheit", der ganz ohne Vibrato wie auf einem geheimnisvollen, fremdartigen Instrument gespielt archaisch aus einer anderen Welt herüberwehte, so trübte doch in einigen Passagen unsaubere Intonation vor allem des ersten Geigers das Bild erheblich. Ihre Interpretation des dritten Bartók-Quartetts war freilich die beste und präziseste des Abends, wenn auch immer noch keine vollgültige, wie sie just das vor vier Jahren ebenfalls mit einem ersten Preis ausgezeichnete, heute zur Weltspitze seiner Generation zählende Quatuor Ébène am 10. September 2004 darbot, nachzuhören auf der Doppel-CD des Wettbewerbs aus diesem Jahr. Auch bei Apollon Musagete gaben wohl der grandiose Haydn (Kaiserquartett) und Mozart sowie die beste Interpretation von Leos Janáceks erstem Quartett in den ersten drei Runden den Ausschlag für die Preisentscheidung.

 

 

Finale Klarinette

(München, 12. September) Carl Nielsens Klarinettenkonzert aus dem Jahr 1928 ist ein Stück, das man wohl kaum so spielen kann, wie der Komponist es sich vielleicht gewünscht hat: mit einem Soloinstrument, das "warmherzig" klingt "und gleichzeitig völlig hysterisch, in der einen Minute sanft wie Balsam, im nächsten Augenblick aufheulend wie eine Straßenbahn auf schlecht geölten Schienen". In 25 Minuten wechselt das einsätzige Konzert zwischen langsamen und schnellen Teilen, Polyphonie und eher simplen Passagen, Sanft- und Grellheit, bürdet Nielsen der Solo-Klarinette mehrere Kadenzen auf und lässt sie an vielen Stellen im Dialog mit einer kleinen Trommel "wie ein Troll" sich gebären - auch dies eine Assoziation des 1865 geborenen Dänen, der sein Klarinettenkonzert während eines mißglückten Skiurlaubs in Norwegen komponierte.

Im Finale präsentierten sich der Spanier Marcos Pérez Miranda, der Japaner Taira Kanenko und zum krönenden Abschluss der Deutsche Sebastian Manz mit diesem Konzert. An ihrer jeweiligen Auffassung konnte man den Grad des bizarren Humors und den Mut zur Häßlichkeit ablesen, den sie sich, ihrem Instrument und dem Publikum zumuten mochten. Der 27-jährige Miranda war als erster noch etwas unsouverän, stellte sich nicht nur während des Spiels plötzlich den Notenständer hin (obwohl auswendig zu spielen eigentlich bei diesem Konzert gefordert war), sondern nahm den teilweise bissigen Charakter des Nielsen-Konzerts zum Freibrief für allzu ungestümes, wenig elegantes, im fortissimo stets die Grenzen schöner Tongebung überschreitendes Agieren. Der 24jährige Kaneko war technisch außerordentlich präzise, hielt stets die Spannung und wölbte große Bögen. Er übte sich allerdings in vornehmer, sanfter Zurückhaltung, musizierte das Konzert gleichsam gegen den Strich immer klangvoll und weich, ließ sich dabei auch nie zu allzu großer Attacke verleiten. Dafür bekam er einen der beiden dritten Preise zuerkannt.

Den ersten sowie den Publikumspreis errang dann freilich überragend der erst 22-jährige Hannoveraner Sebastian Manz. Er traute sich dreifaches Forte auch als solches zu spielen, hatte den Mut zur Skurrilität (den etwa seine Lehrerin Sabine Meyer auf CD nicht hat!), gebärdete sich in den Kadenzen exzentrisch, farbig und modern. Kurz: Es war aufregend, diese Gratwanderung zwischen noch schönem Ton und prägnanter Charakterisierung zu beobachten. Jetzt erst schienen sich Dirigent Simon Gaudenz, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und der Solist auch gegenseitig zu befruchten und zu animieren.

Streichquartett - Semifinale

(München, 11. September) Es war erneut eine aufregende Schule des Hörens, als die letzten drei von sechs Quartetten im Semifinale Mozart spielten - vollkommen anders und doch stets überzeugend: das Gémeaux Quartett (Deutschland/Schweiz) hatte sich das "Hoffmeister-Quartett" KV 499 in D-Dur ausgesucht und musizierte es mit sattem "wienerischen espressivo", dicht, kernig, aber immer mit belebtem, leuchtendem Ton. Die vier jungen Männer von Apollon Musagètes (Polen) machten im "Dissonanzen"-Quartett ihrem göttlichen Namen alle Ehre, verblüfften mit Klarheit und Durchsichtigkeit, Natürlichkeit und zarter Herbheit des Tons, lupenreiner Intonation, Leichtigkeit und Esprit. Dagegen setzte das Verus String Quartet im G-Dur-Quartett KV 387 ganz auf den großen, dunklen breiten Bronze-Ton ihrer herrlich sonor zusammen klingenden, Instrumente. Das konnte man ganz einfach genießen, weil die vier Japaner trotz aller Klangfülle differenziert artikulierten und phrasierten.

Das Verus String Quartet deutete im Prinzregententheater Hugo Wolfs mediterran heitere "Italienische Serenade" von 1887 am extremsten: manchmal düster und dramatisch wie einen moll-Satz Schuberts. Das war auf seine Art jedoch ebenso schlüssig wie die schwarz-weiße, fast kalligraphische Feinzeichnung von Apollon Musagètes. Bei ihnen klang das Stück skurriler, spitzer, gar moderner als beim Gémeaux Quartett, das tänzerischen Charme, ja Swing und Eulenspiegel-Witz aus den Noten las. Das gelang auch dem Heath Quartett herrlich launig. Leider reichte es für die vier Herren nicht wie bei den drei anderen Quartetten fürs Finale, obwohl das britisch-südafrikanische Quartett die Uraufführung der "Lyrischen Szenen" von Rodion Shchedrin präziser, klarer in der Struktur und ausdrucksstärker als das Afiara String Quartet gespielt hatte, das als viertes Ensemble ins Finale am Samstag, 13. September einzieht. Dort beginnt es im Prinzregententheater um 16 Uhr mit Beethovens op. 59/2 und Bartóks Nr. 3.

Schdedrins Stück - Pflichtstück für alle wie das von Wolf - spielte eigentlich erst das Gémeaux Quartett als viertes Ensemble am Nachmittag unter Beachtung aller Vortragsanweisungen, gestaltete dabei aber dennoch frei und schlüssig, ließ schon die Seufzer-Melodie des Beginns im rechten Klageton hören und verstand es, harmonische Verläufe prägant herauszuarbeiten. Die heiklen 32tel-Unisono-Passagen spielten die beiden jungen Männer und die beiden Damen (2. Geige + Viola) wie Apollon Musagètes bestechend klar. Im Finale ist das Gémeaux Quartett als letztes um 20.15 Uhr mit Schuberts "Der Tod und das Mädchen" und Bartóks viertem Quartett zu hören.

Finale der Bratscher

(München, 10. September) Er hat beides verdient errungen: Publikumspreis und zweiten Preis im Fach Bratsche (da ein erster nicht vergeben wurde). Denn der 27-jährige Chinese Wen Xiao Zheng - Schüler von Hariolf Schlichtig an der Münchner Musikhochschule - spielte zusammen mit dem BR-Symphonieorchester unter Simon Gaudenz im Herkulessaal der Residenz das Viola-Konzert von Alfred Schnittke aus dem Jahr 1985, vollendet kurz vor dem folgenschweren Schlaganfall des Komponisten, im letzten Satz, "der langsamen und traurigen Lebensüberschau an der Todesschwelle" (Schnittke), mit derart schönem, großem und tragfähigem Ton, einer solchen Leuchtkraft und Emphase, dass er Sergey Malov und die drittplazierte Chinesin Teng Li hinter sich ließ.

Diesem sympathischen Geiger, der sich Natürlichkeit und eine Spur unbekümmerte Wildheit bewahrt hat, gelang es im ersten und zweiten Satz - "beim hastigen Durchs-Leben-Jagen" - so vehement gegen das Orchester anzuspielen und dann doch immer wieder unverkrampft die Oberhand zu gewinnen, dass ihn diese existentielle Intensität nicht nur zum besten Bratscher, sondern auch zum überzeugendsten Musiker an diesem Abend machte.

Teng Li, im Halbfinale noch dominierend, spielte Béla Bartóks spätes, nach seinem Tod von fremder Hand vollendetes Viola-Konzert durchaus spannend, ausdrucksvoll im langsamen Satz und enorm präzise im schnellen Finale. Sie bot vor allem hier eine noch intensivere und prägnantere Leistung als Sergey Malov, der in der ersten Runde mit Brittens "Lachrymae" zu einem Favoriten geworden war, jetzt aber die Melodie im "Adagio religioso" des Bartók-Konzerts zwar fein spinnen konnten, ansonsten aber trotz aller Virtuosität etwas pauschal und im Ton zu blass blieb.

Man hätte beiden Finalisten bei diesem heiklen Stück eine längere Probenzeit mit Orchester und seinem jungen Dirigenten gewünscht, die ein sensibleres Aufeinanderhören möglich gemacht und die BR-Musiker zu mehr als einer soliden Begleitung verführt hätte. Bleibt noch die Finnin Lilli Maijala zu erwähnen, die mit den Volkslied-Bearbeitungen in Paul Hindemiths "Der Schwanendreher" keinen guten Griff getan hatte. Denn ihr durchgängig etwas sprödes Spiel ließ die Musik wenig farbig und plastisch erscheinen.


Streichquartett 2. Runde

(München, 8./9. September) Mit je einem romantischen und einem zeitgenössischen Werk konnten acht Streichquartette in der zweiten Runde erneut musikalische Ausdruckskraft und technische Versiertheit unter Beweis stellen. Neben Mendelssohn oder Brahms (op. 51/1 und 2) kam eines der beiden Ligeti-Quartette, Schostakowitsch (Nr. 13), Lutoslawski (1964) oder Kurtág (Officium breve) zur Aufführung.

Vieles konnte man zweimal hören, was gerade im Falle der beiden Brahms-Quartette und des Mendelssohnschen op. 13 in a-moll ein Hörerlebnis der ganz besonderen Art bot. Das Afiara-Quartett begann den Reigen am Montag mit Mendelssohn, aber erst das Gémeaux Quartett vermochte den musikalischen Reichtum voll auszuloten: trotz höchster Ausdrucksdichte und sattem Klang konnte man jedes Instrument einzeln verfolgen, strahlte die Aufführung immer wieder großartige Ruhe und dann wieder düstere Dramatik aus, gekrönt von einem grandiosen Schluss.

Ähnliches konnte man beim ersten Quartett von Johannes Brahms tags darauf erleben: Hatte gerade noch Apollon Musagéte aus Polen, das im ersten Durchgang eine beeindruckende Leistung bot, eine dauererregte vulkanische Intensität an den Tag gelegt, als stünde in der Partitur "sempre appassionato", so erlebte man danach trotz desselben Notentextes ein anderes Stück: Geradezu elektrisierend, aufregend und unmittelbar berührend spielte das Heath Quartet (UK/Südafrika) schon den ersten Satz, weil Leidenschaft hier immer wieder von locker gefügten Teilen unter- und gebrochen war, die Musik sich verdichten und immer wieder entspannen konnte. Die Mittelsätze gerieten zauberhaft flüssig, zärtlich und charmant - ganz wunderbar das Dialogisieren der Instrumente im langsamen Satz - bevor sich im Finale ein großes musikalisches Drama ereignete. Danach tosender Applaus in der wieder bis auf den letzten Platz gefüllten Musikhochschule.

Das Heath Quartet spielte danach auch das zweite Quartett von György Ligeti so fantastisch präzise in seiner komplexen Struktur aus gläsernem Schweben, extrem wuselnden feinsten Verästelungen, harten Martellato-Schlägen am Steg, sanftem Wischen auf den Seiten oder einer Pizzicato-Studie (3. Satz), dass das Weiterkommen dieses Quartetts nie gefährdet war.

Schade, dass das Verus Quartet - ebenfalls im ersten Durchgang herausragend - nur mit dem b-moll-Quartett von Schostakowitsch punkten konnte, bei Brahms (op. 51/2) aber auf gemessene Tempi und allzu elegischen Grundcharakter setzte, den letzten Satz gar hart, wenig akzentuiert, undurchsichtig und im Piano gerade diffus spielte. Für den Einzug ins Halbfinale reichte es dennoch. Und wenn Mozart und die Uraufführung des Auftragswerks ("Lyrische Szenen" von Rodion Schtschedrin) am Donnerstag, 11. September (11 und 17 Uhr) auf dem Programm stehen, könnten die Karten im Prinzregententheater vielleicht wieder ganz neu gemischt werden.

Dann spielen: Afiara String Quartet (Kanada), Gémeaux Quartett (Deutschland/Schweiz), Amaryllis Quartett (Deutschland/Schweiz), Apollon Musagetes (Polen), Heath Quartet (UK/Südafrika) und Verus Quartet (Japan).

Die Bratschen im Halbfinale

(München, 9. September) Es war die Feuertaufe für zwei Kandidaten beim Semifinale im Fach Bratsche des ARD-Musikwettbewerbs: Bei der Uraufführung des Auftragswerks von Atar Arad im Prinzregententheater war unüberhörbar, wie intensiv sich der Russe Sergey Malov und die Chinesin Teng Li mit dem anspruchsvollen "Tikvah" des 1945 in Tel Aviv geborenen Bratschers, Professors an der weltweit geschätzten School of Music der Indiana University in Bloomington und Komponisten auseinandergesetzt hatten.

Sie spielten das Stück außerordentlich präzise, machten die komplizierten Doppelgriffe als auskomponierte Harmonisierung einer Melodie erlebbar oder Triller und 32tel-Ton-Vibrationen als diffizile Farbwerte. Auch Struktur und Spannungsverläufe des auf deutsch "Hoffnung" genannten 12-minütigen Werks für Viola solo, das den israelischen Opfern des Münchner Olympia-Attentats von 1972 - und allen  Leidtragenden von Krieg und Gewalt - gewidmet ist, machten sie packend nachvollziehbar. Anklänge an Klezmer-Musik, Bachsche Geigen-Suiten oder das zarte Zitat des Finales von Alban Bergs Violinkonzert kamen plastisch zum Erklingen, bei Li vielleicht sogar noch eine Spur inniger im stets dominierenden Klageton. 

Die 26-jährige spielte aber auch das Viola-Konzert D-Dur von Franz Anton Hoffmeister (1754-1812) glanzvoll, begann schon mit dem wunderbar wach begleitenden Münchener Kammerorchester lebendiger und forscher als Lilli Maijala und Dimitri Murrath, ja sogar noch souveräner als der 26-jährige Wen Xiao Zheng, der gleich zu Beginn die Messlatte hoch gehängt und auch als erster "Tikvah" vielversprechend präsentiert hatte.

Wie die Chinesin dann aber im Adagio ihr wunderbar sonores Instrument berührend schön und ausdrucksvoll zum Klingen brachte und das Final-Rondo gleichermaßen temperamentvoll wie mit lyrischer Emphase zu durchglühen verstand, ließ sie an diesem Nachmittag über alle triumphieren.

Für das Finale am 10. September im Herkulessaal der Residenz qualifiziert haben sich Sergey Malov, Teng Li, Lilli Maijala und Wen Xiao Zheng.

 

 

Auftritt der Streichquartette: 11 Ensembles in Runde 1

(München 5. - 7. September) Bis auf den letzten Platz gefüllt war zuletzt der Große Konzertsaal der Hochschule für Musik in der Arcisstraße. Sogar der sonst nur den Juroren vorbehaltene Rang musste geöffnet werden. Und wohl kaum jemand ging enttäuscht nach Hause, denn das Niveau war fast durchweg hoch und die elf Quartette, die jeweils eine Stunde spielten, boten ein kleines Kammermusik-Festival mit Perlen des Repertoires: Nr. 1, 4 und 6 aus Beethovens opus 18, fünf verschiedene Haydn-Quarette und als modernes Pflichtstück Schönbergs Drittes oder Viertes, Bergs Lyrische Suite, Strawinsky oder - und das war wohl für viele eine große Überraschung: Erwin Schulhoffs Streichquartett aus dem Jahr 1924.

Am Freitag spielten die vier Damen von "EnAccord" nach Joseph Haydns op. 33/1 dieses viersätzige Werk, das enorm rhythmisch pointiert, oft in Ostinati vorwärts stürmt und manchmal sogar jazzig angehaucht ist, am Ende aber mit einem großartigen Notturno verblüfft. Dieses Finale beginnt ganz schlicht, wird aber dann von kühner Harmonik, weitausgreifender Melodik und berückenden instrumentalen Effekten dominiert. Der anschließend aufbrausende Applaus galt neben der exzellenten, minutiös den Notentext befolgenden Interpretation sicher auch Werk und Komponist.

Tags darauf beschlossen die vier Herren von "Apollon Musagetes" aus Polen ihr Programm nach einem wunderbar homogen, schlank, aber leuchtkräftig gespielten Kaiser-Quartett (eingeschlossen die fein abgetönten Variationen über die Melodie der späteren Deutschland-Hymne) mit Leos Janáceks erstem Streichquartett in einer berauschend guten Wiedergabe. Noch dreimal war dieses Stück zu hören, aber nur die vier jungen Männer des japanischen "Verus String Quartet" konnten mit ihren polnischen Kollegen mithalten, sie vielleicht sogar noch übertreffen. Die besondere Eigenart von Janáceks Musik, seine Komposition mit kleinen prägnanten, der tschechischen Sprache abgelauschten Motiv-Floskeln zu versehen, den Gegensatz von emphatischen Melodien und harsch dazwischenfahrenden, ganz rau am Steg der Instrumente zu artikulierenden, fast geräuschhaften 32teln spielten die vier Polen mit höchster Präzision und vielen Valeurs des Ausdrucks. Die vier Japaner hatten allerdings wohl die noch besseren, sonorer und dabei herrlich zusammen klingenden Instrumente. Und so erlebte man nicht erst am Ende eine unmittelbar packende, vorwärtsgetriebene, schillernde Interpretation, die über das eine reine Musikmachen weit hinausging.

Auch Ludwig van Beethovens viertes Quartett aus seinem opus 18 spielten die Japaner enorm kraftvoll, in perfekter Intonation und Artikulation, mit plastischer Tongebung und als würden sie zu viert auf einem einzigen Atem singen. Das war umso beglückender, weil die beiden anderen Ensembles, die Beethoven spielten, damit durchaus ihre Probleme hatten, während Haydn, den die meisten Ensembles  als "klassisches" Pflichtstück wählen, oft viel besser gelang. Genannt sei nur das "Heath Quartet", das einen traumhaft schönen langsamen Satz im opus 76/5 spielten oder das "Gémeaux Quartett" (Deutschland/Schweiz), das sich den ersten beiden Sätzen des opus 50/2 mit weicher Eleganz widmete und dann - frecher und fast zornig - Scherzo und Finale in ihrem Charakter exzellent trafen.
 

 

 

Runde 1: Auftritt der Bratschen (2.Teil)

(München 3./4. September) Die Jury ist wahrlich nicht zu beneiden: immer wieder muss sie eine der drei Suiten Max Regers aus op. 131d hören - meist die erste in g-moll - und oft schon nach wenigen Takten erkennen, dass da jemand kaum das Zeug hat, in die zweite Runde zu kommen. Von den ersten acht Kandidaten des vierten und letzten Tages der ersten Runde konnte nur die allererste - die Deutsche Barbara Buntrock -, die Jury überzeugen. Und auch danach waren es vor allem zwei Kandidaten - der Amerikaner David Kim und Ida Bryhn aus Norwegen -, die Vielversprechendes hören ließen und verdientermaßen weitergekommen sind:

Ida Bryhn hatte sich als Wahlstück etwas Besonderes und Schweres ausgesucht: Krzysztof Pendereckis "Cadenza für Viola solo". Den Ausschlag für die Juroren, die Norwegerin weiter zu befördert, gab dann aber wohl wieder: die Reger-Suite. Bryhn gestaltete überlegen und weitblickend, bewältigte das molto vivace in verwegenem Tempo.

Weiter werden wir uns für die nächste Runde merken müssen: Alexander Akimov aus Russland, Benedict Schneider aus Deutschland.

Überraschungen gab es immer wieder auf der Seite des Wettbewerbs-Repertoires. Dimitri Murrath aus Belgien präsentierte Toru Takemitsus "A Bird came down the Walk" für Viola und Klavier: ein herrlich ätherisches Stück, teils ganz am Steg zu spielen, geradezu eine Piano-Studie, die nur wenige expressive Passagen kennt. Murrath zeigte darin, wozu die Viola alles fähig ist. Allein das weithin unterschätzte Instrument einmal in allen Facetten zum Blühen zu bringen ist ein großer Verdienst dieses Wettbewerbs.

Heute, Freitag,  5. September beginnen in der Münchner Musikhochschule vier Quartette den ersten Durchgang in ihrem Fach. Wir werden berichten.

 

Runde 1: Auftritt der Bratschen

(München, 2. September) Die Hälfte der Bratscher haben den ersten, vielleicht schwersten Durchgang, der noch zwei Tage dauert, hinter sich, konnten die Nervenprobe und die ihrer musikalischen Fähigkeiten bestehen oder auch nicht. Neun von 25 nahmen die erste Hürde und es war schon erstaunlich, wie verschieden die großteils exzellenten Instrumente klangen, wie charakteristisch anders auf ihnen gespielt wurde. Ganz unterschiedlich gaben sich immer wieder die besonders beliebte g-moll-Suite von Max Reger aus seinem op. 131d oder das ebenso dankbare wie alle Stärken und Schwächen der Spieler offenbarende Capriccio c-moll op. posth. von Henri Vieuxtemps. Vor allem dieses Stück ist eine kleine Perle, die nur leuchtet, wenn man sie ins rechte Licht rückt, lupenrein intoniert und phrasiert, im Klang präzise abtönt, kurz: jeden Moment ohne Nachdruck hochmusikalisch gestaltet.

Warmer, weicher, schöner Ton bei Robert Schumanns Adagio und Allegro op. 70 reichte im Falle des Italieners Daniel Palmizio leider nicht für die zweite Runde, auch dem oft melancholisch verschatteten, klaren, intonatorisch exzellenten Spiel des Belgiers Sander Geerts fehlte das entscheidende Quantum musikalischer Autorität. Die Chinesin Meng Xu gerierte sich dagegen mit sattem, vollem Ton und großem Vibrato bei Regers g-moll-Suite allzu selbstgefällig, verkitschte das feine Vieuxtemps-Capriccio und setzte bei Niccolò Paganinis op. 1/13 allzu sehr auf Virtuosität, Seufzer und angeschleifte Töne. Jing Yang, ebenfalls aus China, offenbarte dagegen schon bei Reger eine bestechende Paarung aus Schlichtheit und Ausdruckskraft. Die berühmte 24. Caprice von Paganini meisterte sie unterschiedlich gut, spielte Vieuxtemps jedoch so spannungsvoll, dicht und ausgeglichen, dass ihr ein Weiterkommen sicher war. Dem Koreaner Seungwon Lee fehlte hier Reife und der große Bogen, bei Reger blieb er allzu gleichförmig und brav und konnte auch mit Hindemiths op. 25/1 nicht immer überzeugen.

Der Deutsche Jan Grüning spielte als einer von Wenigen die D-Dur-Suite Regers, begann mit elastischem, dunklen Ton, der oft aber nicht allzu focussiert war. Vieuxtemps klang bei ihm anfangs geradezu zärtlich und feminin, steigerte sich dann in Dynamik und Ausdruck. Auch den "Grand Tango" von Astor Piazzolla nahm Grüning zunächst allzu vorsichtig und legte dann in Temperament und Verve zu. Für die zweite Runde reichte es trotzdem nicht. Der Japaner Ryo Oshima machte es sich mit seinem Programm wahrlich nicht leicht, verzichtete auf Vieuxtemps, spielte zu Beginn allerdings Regers g-moll-Suite sehr männlich und trotzdem subtil abgetönt, auch in Agogik und Dynamik. Dann wieder klang das Forte fast etwas ungeschlacht. Die virtuose, figurative Caprice Nr. 17 von Bartolommeo Campagnoli (1751 - 1827) gelang ihm gut, aber am ausgedehten, schweren, teils atonalen, teils sprerrigen Brocken von Hindemiths op. 11/5 biss er sich doch die Zähne aus.

Gegen Ende des zweiten Tags konnten dann aber zwei Bratscher, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, gleichermaßen überzeugen und in die zweite Runde einziehen: Der Chinese Wen Xiao Zheng und der Russe Sergey Malov. Hier ein sympathisch selbstbewußter, ganz natürlicher Musiker, der sich eine Spur Wildheit bewahrt hat, Vieuxtemps als vorwärtsdrängenden, dramatischen Prolog auffasste, die Triller perfekt modulierte und dabei ganz nahe am Notentext blieb! Er wagte Max Regers e-moll-Suite aus op. 131d und spielte sie mit einer unwiderstehlichen Mischung aus freiem Fabulieren und Präzision, konnte wunderbar tänzerisch agieren und exzellent im großen Bogen Melodien formen, Doppelgriffe und Arpeggien perfekt ausgeglichen setzen und insgesamt ganz sonor spielen. Rebecca Clarkes in Debussy- und Ravel-Nachfolge 1919 komponierte Sonate für Viola und Klavier bewältigte er mit viel Sinn für die vielfältigen Farben, aber auch die große Geste und den spätromantischen Duktus.
 
Sergey Malov dagegen verblüffte schon in Regers g-moll-Suite mit ebenso stringentem wie seidig feinem Ton, großartigem Legato, konnte ganz klar artikulieren, war dabei stets formbewusst und ausdrucksvoll. Besser - und im letzten Satz behänder - kann man das nicht spielen! Vergessen war schnell, dass er Vieuxtemps etwas leichtgewichtig anging, da er zunehmend dichter gestaltete und mit Benjamin Brittens "Lachrymae. Reflections on a song of John  Dowland" ein absolutes Meisterstück ablieferte. So fein und duftig schwebend, so gläsern im Flageolett, so flirrend "nervös" muss man erst einmal spielen können. Dabei stand Malov auch ein schöner, tragfähiger Ton zur Verfügung. Und wie er am Ende das originale Dowland-Lied "sang", war schlichtweg große Klasse!

Klaus Kalchschmid

 Darüber hinaus berichten wir von den Halbfinali und Finali in den übrigen Fächern sowie über die drei, von B4 Klassik live übertragenen Preisträgerkonzerten am 17., 18. und 19. September. Informationen über Zeitpläne, Austragungsorte, Ergebnisse der einzelnen Durchgänge und andere Infos: www.ard-musikwettbewerb.de