Trost der Musik

Christian Gerhaher beginnt seine Gesamt-Aufnahme der Lieder von Robert Schumann für Sony

Von Klaus Kalchschmid

(Januar 2019) Natürlich sind Robert Schumanns „Zwölf Gedichte op. 35“ nach Justinus Kerner (besser bekannt als „Kerner-Lieder“) der populäre Höhepunkt dieser CD mit dem Titel „Frage“ – wie es vor zehn Jahren der Eichendorff-Liederkreis op. 39 im Album „Melancholie“ war. Und Christian Gerhaher zeigt, wie immer großartig begleitet von Gerald Huber am Flügel, dass er diese Vertonungen tief verinnerlicht hat. Was für ein schöner Kontrast gleich zu Beginn mit den zwei im Kern eher ungestümen Liedern, die ein wunderbar leise Schreitendes rahmen: Da strömt Gerhahers markanter Bariton im schönsten Piano und Legato beim untröstlichen Lied über ein Mädchen, das sein Heil im Kloster sucht, bevor ein junger Mann ihm seine Liebe gestehen kann.

Ob ein leeres Glas an den verschwundenen Freund oder ein Anhänger an die Geliebte erinnert („Wanderung“), Vogelgezwitscher tröstet oder warnt, und einzig das Grün der Natur Glück verheißt: stets gelingt Christian Gerhaher der Spagat zwischen plastisch artikulierter, wortverständlicher Erzählung und natürlich strömendem Gesang. Das titelgebende Lied „Frage“ preist Abendrot, Sterne, Blumen, Wald, Berge, Vögel – sowie des Menschen Lied als umfassenden Trost. Damit umfasst es inhaltlich das Gros der Vertonungen.

Berückend klingt Gerhaher stets, wenn er sich im wunderbar tragenden Piano-Bereich bewegt. Manchmal steigert er sich aber geradezu wütend in ein Fortefortissimo hinein, wie am Ende von „Stille Tränen“. Dann beginnt die Stimme ungewohnt und unschön zu tremolieren, aber das sind nur wenige, leicht störende Momente auf einer CD, bei der man dem singenden lyrischen Ich stets gebannt zuhört, weil hier der Trost der Musik und die Untröstlichkeit der Texte stets nahe beieinander liegen oder sich gar durchdringen.

Die selten in Lied-Programmen zu findenden späten „Sechs Gesänge op. 107“ eröffnen die CD: Ein Zyklus, der in seinem vielfältigen Gesang über oft weibliches Empfinden und in der dichten Verschränkung von konziser Begleitung und oft rhythmisch gegenläufiger Gesangslinie etwa sehr Besonders ist. Nicht minder reizvoll, die sattsam bekannten „Die beiden Grenadiere“ einmal im Zusammenhang des op. 49 mit dem von der Handlung her ebenso seltsamen „Die feindlichen Brüder“ zu hören: Hier die Geschichte eines Soldaten, der zu den Klängen der Marseillaise aus dem Grab sich erheben will, um den französischen „Kaiser zu schützen“; dort die beiden Brüder, die sich bis in alle Ewigkeit über ihren Tod hinaus jede Nacht um eine Frau duellieren.

Abgerundet wird die Trias von „Die Nonne“, die, neben einer roten Rose stehend, verzweifelt die weiße Rose einer seligen Braut fantasiert.
Anders als bei Dietrich Fischer-Dieskaus Aufnahme der gesammelten (Männer-)Lieder auf sechs CDs Ende der 1970er Jahre, die die eindeutig ein weibliches lyrisches Ich voraussetzenden Lieder aussparte (wie „Frauenliebe und –leben“), wird diese auf neun CDs angelegte Gesamtaufnahme ergänzt durch alle übrigen (Frauen-)Lieder – gesungen von Camilla Tilling, Julia Kleiter, Sibylla Rubens und Wiebke Lehmkuhl.

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