CD der Woche

Annäherungen an einen Torso

Mozarts Requiem in einer Neuaufnahme mit René Jacobs, dem Freiburger Barockorchester und dem RIAS-Kammerchor

Von Christoph Zimmermann

Milos Formans Film „Amadeus“ ist ein faszinierendes Zeitbild, aber auch ein verfälschendes, ist doch die in ihm zur Schau gestellte „Feindschaft“ zwischen Mozart und Salieri längst widerlegt. Besondere Spekulationen ranken sich um das Requiem, Mozarts fragmentarisch gebliebenes Opus ultimum. Auftraggeber war, wie ein von Otto Erich Deutsch erst 1964 veröffentlichtes Dokument aus dem Jahre 1839 beweist, Franz Graf von Walsegg, welcher für seine mit nur 21 Jahren verstorbene Frau eine besondere musikalische Würdigung wünschte und Mozart mit der Komposition eines Requiems beauftragte. Der Vertrag legte eine Anzahlung fest, der Rest sollte nach Vollendung des Werkes ausgehändigt werden. Diese Honorierung zerschlug sich durch Mozarts Tod, wogegen die mittellos gewordene Witwe Constanze ankämpfte. Eine posthume Vervollständigung des Werkes schien ihr am probatesten. Sie fiel zuletzt Franz-Xaver Süssmayr, einem Mozart-Schüler, zu.

Trotz wissenschaftlicher Detaileinwände behauptete sie sich im Repertoire, woran aktuell eine historische Aufnahme unter Victor de Sabata aus dem Jahre 1941 bei DG erinnert. Beim gleichen Label wurde ein Mitschnitt unter Eugen Jochum aus dem Wiener Stephansdom wiederaufgelegt (1955, im Vorfeld des nachfolgenden Mozart-Jahres). Natürlich hat die Torso-Form des Requiems die Musikwelt nicht ruhen lassen. Immer wieder machten sich Komponisten zu einer Vervollständigung auf, wie wohl zuletzt Franz Beyer 1971.

Auch René Jacobs bietet mit dem RIAS-Kammerchor und dem Freiburger Barockorchester, allerersten Ensembles also, die Süssmayr-Fassung, im Detail jedoch modifiziert von Pierre-Henri Dutron. Auffällig, wie sich im Lacrimosa Chor und Soloquartett abwechseln, eine enorme emotionale Vertiefung. Ansonsten möchte man von einer Einspielung ohne wenn und aber sprechen. Jacobs, der am Dirigentenpult äußerlich so gar nicht charismatisch wirkt, durchpulst das Werk mit dem Ungestüm des langjährig erfahrenen Opernmannes, der die Musik immer auch dramaturgisch durchdenkt. Kein Wunder, dass die Musik des Dies irae oder des Rex tremendae regelrecht zu glühen scheint: beim Confutatis donnergrollen die Pauken machtvoll. Meditative Sätze wirken in solchem Umfeld umso tiefschürfender, das dynamisch verebbende Finale betört. So akribisch Jacobs die Werkgeschichte des Requiems im Booklet-Text aufblättert, der Hörer bleibt aufgefordert, den Details von Dutrons Version, die sich bei unbefangenem Hören keineswegs sofort erschließen, kritisch nachzuspüren.

Mit dem klein besetzten Gesualdo Consort Amsterdam und dem aus lediglich acht Sängern bestehenden Vokalensemble „Cristofori“ (keine separaten Solisten) bietet Arthur Schoonderwoerd eine klanglich besonders unorthodoxe Requiem-Widergabe, welche neben Süssmayr auch andere zeitgenössische Bearbeiter berücksichtigt. Das von Ignaz von Seyfried konzipierte „Libera me“ erscheint zum überhaupt ersten Male auf Tonträger. Mit einer Doppelfuge ergänzt der Dirigent das als nicht „komplett“ empfundene „Lacrimosa“, welche freilich etwas als Fremdkörper wirkt. Auch diese Einspielung wird durch kirchliche (präzise: gregorianische) Gesänge zäsiert.
„Mozarts ‚Requiem‘ lässt sich am besten in seiner reinen Torso-Gestalt studieren“, so René Jacobs. Aber Aufführung ist nur bedingt Studium. Im Konzertleben wird man also mit all den bestehenden Fassungen leben müssen – und auch wollen.

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