100 Jahre WDK und Barenboim

Honorig, aber nicht festgefahren

Die Westdeutsche Konzertdirektion Köln feiert in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag – gerade gab bei ihr Daniel Barenboim einen Klavierabend, gewissermaßen ein Geburtstagsständchen
von Christoph Zimmermann
(Köln, 17. Dezember 2013) Als ihr eigener Konzertbetrieb firmiert die Kölner Philharmonie unter dem Namen KölnMusik und offeriert den Löwenanteil der Veranstaltungen. Bei den „Kontrapunkt-Konzerten“ liegt der Schwerpunkt auf Künstlern der östlichen Hemisphäre, in den Jahren des Kommunismus eine ebenso heikle wie mutige Engagementspolitik, vor allem was die damalige DDR betrifft. Die Klangkörper des Westdeutschen Rundfunks (Sinfonieorchester, Rundfunkorchester, Chor, Big Band) nutzen die Philharmonie auch als Aufnahmestudio. Das städtische Gürzenich-Orchester, welches einen wesentlichen Teil seiner Arbeit in der Oper leistet, absolviert Konzerte ebenfalls in der Philharmonie. Last not least wäre – einige nur punktuell in Erscheinung tretende Veranstalter nicht eigens genannt – die Westdeutsche Konzertdirektion (WDK) herauszustellen. Diese Institution feiert in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag. Sie tut das mit berechtigtem Stolz, ist sie doch die älteste Institution ihrer Art und hat sich bis heute – subventionslos arbeitend – ihre Unabhängigkeit bewahrt.
Der exakte Tag der Gründung ist nicht zu eruieren, da viele Unterlagen des Unternehmens in den Kriegsjahren verbrannt sind. Gründer war der Musikalienhändler Heinrich Dubois, der von der schnell crescendierenden Entwicklung wohl selber etwas überrascht war. Das erste „Meisterkonzert“ fand 1918 statt, und dieser Titel hat sich bis heute stolz erhalten. Zu dem Boom trug bei, dass sich die WDK, außer in Köln auch in Bonn, Koblenz und Mannheim aktiv, mit einer anderen Agentur in Berlin zusammenschloss. Gemeinsam gestaltete man bald das gesamte Konzertwesen in Deutschland. Das dauerte allerdings nur acht Jahre, denn 1935 sahen sich die jüdischen Agenturinhaber gezwungen, die Arbeitsgemeinschaft wieder aufzulösen und die WDK zu veräußern. Neuer Besitzer wurde der Schwede Gustav Fineman, welcher der WDK dann bis 1944 vorstand. Die Kriegs- und Nachkriegsjahre führten zur Einstellung der Arbeit; erst im Februar 1951 konnte man sich am allgemeinen Musikleben wieder beteiligen.
Im stark zerstörten Köln, von dem es beklemmende Bilder der amerikanischen Fotografin Lee Miller im kürzlich erschienenen Buch „Köln in der NS-Zeit“ gibt (Verlag DuMont), musste man zunächst mit Gebäuden vorlieb nehmen, die noch einigermaßen intakt waren. Zu ihnen gehörten das Metropol-Kino sowie der Börsensaal. 1955 konnte man in das wiederaufgebaute Gürzenich wechseln. Allerdings erwies sich die Platzkapazität des Veranstaltungssaales mit 1100 Plätzen für eine zureichende finanzielle Kalkulation als nicht ausreichend und die Akustik so als defizitär, dass auswärtige Künstler bald einen Bogen um Köln zu machen begannen. 1986 wurde mit der Eröffnung der Philharmonie nicht nur dieses Übel beseitigt, sondern Köln erhielt gleichzeitig eine der repräsentativsten und architektonisch schönsten Konzerthäuser der Region. Das gilt noch heute, nachdem in Essen und Dortmund attraktive Gebäude hinzu gekommen sind.
Die Geschicke der WDK werden heute von Witiko Adler zusammen mit seiner Frau Jutta gelenkt. Adler, der nach wie vor auch ein vergleichbares Unternehmen in Berlin sein eigen nennt, organisiert die Kölner Konzertveranstaltungen seit 1971 alleine, nachdem er in den zehn Jahren zuvor mit zwei Kollegen zusammengearbeitet hatte.
So prunkvoll der Name „Meisterkonzerte“ klingt, so repräsentativ wünscht sich das Stammpublikum auch die Programme. Zwar konnte man schon mehrfach erleben, dass auch unbekanntere Werke, auch solche der Gegenwart, akzeptiert und sogar bejubelt wurden, doch in der Regel geht die Akzeptanz von Musik nicht über die Spätromantik hinaus. Und die Namen von Solisten, Dirigenten und Orchestern sollen schon viel „Star „glänz aufweisen. In den kommenden Wochen und Monaten der laufenden Saison werden u.a. Christian Tetzlaff, Xavier de Meistre, Rafal Blechacz, Ivo Pogorelich und Neville Marriner geprägt sein; Publikumsmagnet Anne-Sophie Mutter ist in dieser Saison einmal nicht dabei.
Es ist ein Anliegen des Ehepaares Adler, sich nicht in genormten Angeboten festzufahren. So gibt es neben Orchesterkonzerten hin und wieder auch kammermusikalische Veranstaltungen, weiterhin liegt ein Augenmerk auf jungen. aufzubauenden Künstlern. So präsentierte die WDK ihren Zuhörern beispielsweise einst den 20jährigen Daniel Barenboim. Im September wird er in seiner jetzigen Hauptfunktion als Dirigent wieder einmal mit der Berliner Staatskapelle in die Philharmonie kommen. Jetzt aber gab er mit einem reinen Schubert-Programm den Geburtstagsgratulanten am Flügel.
Doch wie es mit Geschenken so gehen kann: man dankt, aber man freut sich nicht so recht. Bei den Kölner Klavierterminen des laufenden und vergangenen Monats gab es, in rückwärtiger Reihenfolge aufgezählt, Begegnungen mit Igor Levit, Arcadi Volodos, Rudolf Buchbinder, Gerold Huber (als Begleiter der Sopranistin Christiane Karg) und Nikolai Tokarew. Vor allem Huber und der junge Aufsteiger Levit bestachen mit sublimem Anschlag und auratischer Klangbildung, Levit bei Busoni/Liszt überdies mit Fortissimo-Eruptionen, die aber nirgends gestaltlosen Donner erzeugten. Bei Daniel Barenboim geriet schon bei der frühen Schubert-Sonate A-Dur D 664 der manuelle Zugriff ungebührlich rustikal, die Töne entbehrten der Rundung, Läufe gerieten vage, und ausgiebiger Pedalgebrauch ließ sich den Klang oft im Nebligen verlieren. Die Triller im Andante der Sonate a-Moll D 845 erinnerten in ihrer Hölzernheit fast an das Xylophonspiel im „Danse macabre“ von Camillle Saint-Saens. Die Widergabe von D 850 (Sonate D-Dur) wirkte insgesamt gelöster, das Klangbild  durchsichtiger, es gab sogar Momente von Poesie. Doch in summa war der mit zwei Zugaben abgerundete Abend ganz einfach enttäuschend, das konnte auch starker Beifall nicht kaschieren.
Dem Musiker und Friedenswirker Barenboim wurden in der Vergangenheit viele Auszeichnungen und Ehrungen zuteil, zu Recht. Seine Gegenwart als Pianist indes ist, nimmt man den Kölner Eindruck als Bewertungsgrundlage, einigermaßen dubios. Es wäre schön, diesen Befund demnächst einmal korrigieren zu können.

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