Beim ersten Preisträgerkonzert des ARD-Wettbewerbs waren vor allem Sängerinnen und Sänger zu hören
(München, 16. September 2009). Das erste Preisträgerkonzert des diesjährigen ARD-Wettbewerbs im Prinzregententheater gehörte fast ganz den Sängern: Allen voran der zu recht erstplatzierten Anita Watson, die erneut die todtraurige Klage "The trees on the mountains are cold and bare" der von einem ganzen Dorf verleumdeten Susannah (aus der gleichnamigen Oper von Carlisle Flyod) als ein ergreifend wehmütiges, ebenso verhaltenes wie ausdrucksstarkes Lied mit unglaublich warmem, modulations- wie farbenreichem Sopran sang. Auch "Depuis le jour" der Louise aus Gustave Charpentiers gleichnamiger Oper gestaltete sie mit ebensoviel vokaler Raffinesse wie Schlichtheit des Ausdrucks. Diese Quadratur des Kreises gelang der Australierin, die soeben auch den 3. Preis des Operalia-Wettbewerbs gewonnen hat, mühelos.
Überzeugender als in jedem der vier Durchgänge war auch Sunyoung Seo (2. Preis) mit Alfredo Catalanis Wally ("Ebben, ne andrò lontana") und der Juwelenarie aus Charles Gounods "Faust". Die 25-Jährige singt mit großer, fein ausschwingende Sopran-Stimme, der ein wenig helles Metall beigemischt ist, gestaltete überzeugend und besaß sogar ein gewisses Quantum Charisma. Ihre koreanische Landsfrau Hye Jung Lee (3. Preis) dagegen vermochte zwar in den höchsten Tönen sauber zu tirilieren, aber von der zarten Verliebtheit einer Gilda, die gerade das erste Mal in ihrem Leben der Verführungskunst eines Mannes verfällt ("Caro nome" aus Verdis "Rigoletto"), war kaum etwas zu hören. Nicht anders die Glöckchen-Arie der Lakmé aus Leo Delibes gleichnamiger Oper. Aber die gehört ob der Sinnlosigkeit ihrer vokalen Zirzensik sowieso auf den Index der nicht mehr aufführbaren Arien.
Ein paar Oktaven tiefer erzeugte Bariton Falko Hönisch wieder - wie im Finale - mit seiner packenden, am Ende dramatisch zugespitzten Deutung des "Erlkönigs" von Schubert Gänsehaut, auch wenn die effektvolle Orchestrierung von Kurt Gillmann nicht jedermanns Sache sein mag. Dazu brillierte der 32-jährige wieder mit seiner differenzierten Gestaltung der Guglielmo-Arie "Rivolgete a lui lo sguardo", die Mozart noch vor der Uraufführung von "Così fan tutte" wegen Unvermögens des Sängers streichen und durch eine leichtere ersetzen musste. Dafür bekam er den dritten Preis, während der Bassist Wilhelm Schwinghammer den zweiten bei den Herren erhielt. Auch er sang - Fiescos "A te l?estremo addio... Il lacerato spirito" aus Verdis "Simone Boccanegra" - zwei seiner Paradestücke: In der Verleumdungsarie aus dem "Barbiere di Siviglia" ("La calunnia") erwies sich das Ensemblemitglied der Hamburgischen Staatsoper als veritabler Bassbuffo mit feinem Sinn für Komik, selbst wenn der Stimme (noch) Beweglichkeit und tragfähiges Piano in der hohen Mittellage fehlt und nicht alle Töne sauber getroffen waren. Der Schlussmonolog des bärbeißigen Sir Morosus ("Wie schön ist doch die Musik, aber wie schön erst wenn sie vorbei ist!") aus der "Schweigsamen Frau" hatte dann die richtigen fahlen Farben eines müden alten Mannes, obgleich Schwinghammer ebenfalls erst 32 Jahre alt ist.
Leider fehlte der "Tzigane" von Maurice Ravel für Violine, Harfe (gespielt vom ersten Preisträger, Emmanuel Ceysson!) und Orchester, einem "Virtuosenstück im Geschmack einer ungarischen Rhapsodie" (Ravel), das solistisch beginnt und in einen wilden Czardas mündet, bei Lily Francis (3. Preis Geige) Glanz, Feuer, ja überhaupt Temperament, wie auch der 3. Preisträger im Fach Kontrabass, Ivan Zavgorodniy, beim Konzert fis-moll op. 3 von Sergej Koussevitzky nicht immer ganz souverän wirkte, vor allem in der hohen Lage seines Instruments, die kaum über das solide begleitende Münchner Rundfunkorchester unter John Fiore drang.
Mit Louis Spohrs Variationen über "Je suis encore dans mon printemps? konnte dagegen die zweite Preisträgerin bei den Harfen, Anneleen Lenaerts, erneut ihr technisches Können, ihre Stilsicherheit und ihren Sinn für feine Farben unter Beweis stellen.
Klaus Kalchschmid