Die Hexe in der Sahnetorte

Humperdincks "Hänsel und Gretel" zweimal auf DVD - aus New York (EMI) und Dessau (Arthaus)

Hänsel und Gretel auf englisch, das hat großen Charme, vor allem wenn so wunderbare Sängerinnen wie Christine Schäfer (Gretel) und Alice Coote (Hänsel) in einer Inszenierung von Richard Jones in der New Yorker MET herrlich naiv spielen und singen. Der Regisseur lässt Engelbert Humperdincks berühmte Vertonung des Grimmschen Märchens über Hunger, Essen und Züchtigung in drei Küchen spielen: Im ersten Bild (Bühne und Kostüme: John MacFarlane) dominiert ein großer amerikanischer Kühlschrank das herunterkommene Zimmer, das zweite ist ein klaustrophobischer, mit Blätter-Muster tapezierter (Alp-)Traum-Raum, bevor die Backstube der Hexe zum Eldorado für alle Schleckermäulchen wird. Was für eine herrliche Tortenschlacht wird da von den beiden Kindern und der Hexe - alias Philip Langridge geschlagen, der von der Maske in ein Märchen-Monster verwandelt wurde. Wie da mit Mehl, rosafarbenen Milchshakes und allerlei Gebäck - mit Verlaub - rumgesaut wird, und die Hexe nach bester Slapstick-Manier in eine Sahnetorte getunkt wird, bevor sie endlich im großen Elektro-Ofen mit Panormafenster zu Schwarzbrot wird, das macht auch vor dem Fernsehschirm Groß und Klein Freude!

Dass dem Regisseur das Ganze etwas aus dem Ruder läuft macht nichts, denn zuvor hatte er mit großer Präzision die Lüste und Ängste seiner Protagonisten inszeniert, die nun teils potenziert, teils überspielt werden. Und nicht nur die "kleinen"Titelhelden, sondern auch Rosalind Plowright als verhärmte Mutter und Alan Held als Vater gestalten plastische Charaktere. Vladimir Jurowski achtet auf den großen symphonischen Atem ohne die Details zu vernachlässigen.

Natürlich kann das Anhaltische Theater in Dessau nicht mit der Opulenz der MET konkurrieren, aber die Grundidee von Johannes Felsenstein, des 1944 geborenen Sohns von Walter Felsenstein, ist bestechend. Er siedelt das Geschehen in einem nur unterschiedlich und magisch beleuchteten Einheitsbühnenbild an, in einer Welt, die Hänsel und Gretel nicht verlassen. Denn sie verstecken sich nur unter ihren Betten, während die Einraumwohnung sich allmählich in ein Weihnachtszimmer mit großem, geschmücktem, hell strahlenden Tannenbaum verwandelt. Der Clou dabei ist, dass der Vater sich nur mittels Kopftuch in die Hexe verwandelt. Die Kinder spielen mit Puppen ihrer selbst zugleich mit dem Vater - der auch eine Puppe trägt - und der Hexe, während die Mutter immer wieder genervt darauf drängt, den Blödsinn sein zu lassen und endlich an den Esstisch zu kommen.

Sabine Noack und Cornelia Marschall sind ein nicht minder treffliches Geschwisterpaar wie Christine Schäfer und Alice Coote, Alexandra Petersamer eine intensive, stimmgewaltige Mutter und Ludmil Kuntschew ein ebenso überzeugender Vater, wie er quasi dank seines Akzentes eine Hexe mit Migrationshintergrund singt. Und auch die Anhaltische Philharmonie Dessau muss sich unter Markus L. Frank keineswegs hinter ihren New Yorker Kollegen verstecken. Nur klingt sie naturgemäß etwas schlanker und herber.

Klaus Kalchschmid

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